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Zum Brüllen tragisch

Jul 29, 2024

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Humor was another of the soul’s weapons in the fight for

self-preservation. It is well known that humor, more than

anything else in the human make-up, can afford an aloofness

and an ability to rise above any situation, even if only for

a few seconds.

(Viktor E. Frankl: Man’s Search for Meaning. 1946)

 



Viktor Frankl (1905-1997), ein Holocaust-Überlebender, Wiener Psychiater, Neurologe und Begründer der Logotherapie, erduldete, wandelte, ja transzendierte das eigene, unfassbare und unbeschreibliche Leid, das ihm in den Konzentrationslagern widerfahren war. Auf die Frage, wie er dies geschafft habe, nannte er eine Art „geistiger Trotzmacht“, die ihm ermöglichte, die Sinnhaftigkeit seines Daseins und somit die Hoffnung auf ein Weiterleben aufrechtzuerhalten. Für Frankl war dies neben der schöpferischen Tätigkeit – dem Lesen heimlich eingeschmuggelter Bücher oder dem Zeichnen – seine absolute Hingabe an die für ihn sinnerfüllende Aufgabe, in einer ungewissen Zukunft sein Werk als Psychiater fortsetzen zu können. Als Psychotherapeut ermöglichte er seinen Patienten, eine geistige Haltung zu sich selbst zu entwickeln, um an den einzigartigen Sinn der Existenz zu glauben und diesen zu erfüllen. Dies allein entscheide, ob man eine Situation maximalen Leidens überhaupt überleben könne. Neben dem Aufrechterhalten der eigenen Würde in würdelosen Umständen führte er unter anderem auch „die Waffe des Humors im Kampf ums Überleben“ an. Er und ein KZ-Mithäftling vereinbarten miteinander zum Beispiel, sich mindestens einmal am Tag einen Witz oder eine komische Geschichte zu erzählen, nach Möglichkeit mit einem Bezug zur Gegenwart, jedoch vor allem auf die Zukunft gerichtet. Selbst wenn dies nur zu einem heiteren Schmunzeln führen würde.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1913, also sogar vor den Stummfilmen von Chaplin und Keaton, drehte Karl Valentin den Film „Der neue Schreibtisch“. Gezeigt wird darin einer seiner Sketche, in dem sich quälender Slapstick schadenfreudig mit dem nackten Mitgefühl des Zuschauers vermischt. Erzählt wird das skurrile Dilemma eines Professors, der vor seinem nagelneuen Stehpult steht, an dem er aber offenbar partout nicht stehen möchte. Er will sitzen. Auf seinem alten, treuen, wenngleich wackligen Stuhl, auf dem er schon seit jeher hockte, um möglichst komfortabel studieren zu können. Der lang gediente Sitz und das edle, neue Pult passen als Ensemble jedoch einfach nicht zusammen. Allein die schiere Idiotie gleich zu Beginn lässt ahnen, was jetzt folgen wird: Der offensichtlich dickköpfige Gelehrte ohne jegliches praktisches Geschick beginnt kurzerhand die hohen Beine seines Schreibtischs so zu kürzen, dass er sich davor platzieren kann. Der Betrachter wird im weiteren Verlauf gnadenlos gepeinigt und gekitzelt, wenn er dabei zuschauen muss, wie beide Möbelstücke nach und nach und immer weiter verzweifelt abgesäbelt werden. Solange, bis der Stuhl schließlich nur noch auf den nackten Stümpfen steht – ohne freilich noch zu wackeln – und auch das Pult jetzt endlich die passable Höhe aufweist, aber derart schwankt und kippelt, dass es vom total erschöpften Studiosus umklammert werden muss, damit es vor ihm stehen bleibt und nicht umkippt.

Inzwischen halte ich solch fulminante Filme kaum noch aus, vielleicht weil sie in kurioser Weise das Versagen ins Äußerste gesteigert einfach unerträglich komisch werden lassen. Obwohl ich diese Komiker ja zutiefst verehre, weil sie das Scheitern als tragische Performance mit absoluter Perfektion ins Gegenteil verkehren. Sie führen uns das Absurde unserer menschlichen Existenz vor Augen, um es im schallenden Gelächter aufzulösen. Das mag nur demjenigen gelingen, der gerade dann noch über sich selbst lachen kann, wenn die eigene Tragödie an sich vernichtend geworden ist.


Autor: Titus David Hamdorf (2023)

Jul 29, 2024

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