
Der Wolf ist zurück! Am stärksten ist er wohl in den östlichen Regionen der Neuen Bundesländer vertreten, insbesondere in den Grenzregionen zu Polen und Tschechien. Nach wie vor sind wir Menschen sein einziger Feind: Wölfe sterben am häufigsten durch Verkehrsunfälle oder illegale Tötung. Trotz des vom Naturschutzbund geforderten bundesweiten Wildtiermanagements fürchten sich auch die deutschen Bürger eben immer noch vor Bären, Löwen und Luchsen. Sie sind geradezu beleidigt, wenn ein Bär die Schafe reißt oder ein Wolf ihre Gänse frisst. Obwohl der Verlust und die entsprechende wirtschaftlichen Einbußen an Zuchttieren durch Habichte, Fischreiher und Füchse um vieles größer sein dürfte, spaltet ein herumtrottender Bär oder ein gesichteter Wolf in Siedlungsnähe unter Garantie die gesamte Gesellschaft und Politik. Radikale, polarisierende Positionen, die sich ums Verrecken nicht in der Mitte treffen können. Die Minderheit: Bewahrt die Art und lasst seine Rückkehr zu! Die Mehrheit: Knallt ihn ab! Er ist doch auch für uns eine riesige Bedrohung! Die Kräfte, die diesen unauflöslichen Zwist für sich nutzen, die meisterhaft Zunder in das Feuer streuen und Ängste im lustvoll Irrationalen aufflammen lassen, sind seit jeher die Märchenerzähler und heute halt die Medien.
Die Urangst vor der Unberechenbarkeit der Bestie schien schon immer und ausnahmslos nur dann einzudämmen oder ganz zu bannen möglich, wenn es gelang das Ungeheuer einzusperren, zu besiegen oder gar zu töten, es völlig auszurotten. Ein Thema, das sich als Motiv seit Menschheitsgedenken durch Mythen, Märchen und Sagen zieht. Gewalt und mit Gewaltanwendung schließlich auch der Sieg durch Überwindung und absolute Herrschaft, könnten sich in fast jeder Begegnung zwischen Mensch und Tier entdecken lassen: Sei es die Jagd um ihrer selbst willen, fadenscheinig kultivierter die Safari-Tour, die Dressur im Zirkus oder die Zurschaustellung der unumkehrbar hospitalisierten Wildgetiere in den Gehegen des Zoos, die Domestizierung und Züchtung von gehorsamen, süßen oder auch giftigen Haustieren, die Massenhaltung von Nutztieren sowie deren Abschlachten im Imperium der Fleischgierigen… Selbst in der gefühlvollen Vermenschlichung von Tieren, in der ungebremsten Liebe und sogar Hingabe steckt immer auch die letztlich gönnerische Geste des Herrschers oder Herrchens*Frauchens, das sich im Spiegelbild des Augenpaars des heißgeliebten Tieres demutsvoll treu angehimmelt sehen will.
Spinnen wir weiter: Wenn nun eigentlich die Furcht vor dem Wolf die tiefste Angst des Menschen, die vor dem Tod, in sich verbirgt, so dass es eben völlig ausreicht, einfach Wolf zu denken und zu sagen, gleich eines kollektiv gesetzten Symbols, um ihn als potenziellen Feind zu erkennen, wäre dann nicht auch Todesangst die eigentliche Wurzel seiner Vernichtung oder Ausrottung? Oder ist es nicht eher das tragische Bewusstsein unserer End- und Sterblichkeit an sich, das wir womöglich als einziges Lebewesen entwickeln können? Das wir als unerträgliches Gewahrsein in tiefste Angst absinken lassen und vergessen wollen, um erst im Augenblick der aktuell erlebten Bedrohung, die wir seit der Urzeit geflissentlich in unsrem Stammhirn abgespeichert haben, um also jetzt das alte, als Archetyp eingestanzte Feindbild wieder aufflackern zu lassen?
So um die Ecke gedacht, wäre der Wolf lediglich der Feind des Neandertalers. Das würde Sinn ergeben, oder irre ich mich?