
Vorbemerkung: Diesen Artikel, den ich an dieser Stelle schon einmal veröffentlicht habe, hatte ich im Juni einigen Wochen- und Tageszeitungen angeboten. Keine Reaktion. Da es nie hilfreich für einen Autor ist, ausbleiben Reaktionen zu interpretieren, da dies meist destruktiv und entmutigend ausfällt, versuche ich das Schweigen als Vorsicht der Redaktionen zu deuten, sich mit diesem mehr als kontroversen Thema aufs Glatteis zu begeben. Aber auf dem kann man gut Schlittschuh fahren, finde ich, auch gemeinsam:
Ich frage mich, ob die seit Dezember 2018 in der BRD dritte Option der Personenstandsbezeichnung divers oder die im Register ebenfalls möglich anzugebenden Eigenschaften X, inter, offen oder kein Eintrag, ob also diese Wahlmöglichkeiten den schier unendlichen Varianten der Geschlechtsidentität, Geschlechtszugehörigkeit und sexuellen Orientierung auch nur ansatzweise gerecht werden können. Wer davon betroffen ist, sich innerhalb des non-binären Spektrums zwischen den Polen männlich und weiblich zu bewegen, dürfte zunächst dankbar sein, der normierenden Gewalt der binären Zuordnung und der damit einhergehenden potenziellen Diskriminierung entkommen zu können. Doch wie? Oder vielmehr wohin? Durch die Verneinung der Wortbedeutungen männlich oder weiblich in eine Art Bedeutungslosigkeit oder Neutralität hinein, behaupte ich. Das klingt zunächst ähnlich provokant wie die Befindlichkeit eines Menschen, der sich der gendersprachlichen Korrektheit verweigert, aus welchen Gründen auch immer. Mit divers – also unbestimmt, anders – wird lediglich etwas umschrieben, was irgendwie nicht so, sondern eben anders ist. In einer Multiple-Choice-Umfrage beispielsweise, die neben der Antwortmöglichkeit ja und nein auch ein trifft-nicht-zu zur Verfügung stellt, kann die Trifft-nicht-zu-Antwort zumindest qualitativ nicht ausgewertet werden. Es lässt sich allenfalls aussagen, so und so viele Befragte haben das Kästchen trifft-nicht-zu angekreuzt. Das aber ermöglicht noch keinerlei Rückschluss darauf, was denn zutreffen würde, was genau zwischen Ja- oder Nein-Sagen gemeint sein könnte. Oder auf das Beispiel Geschlechtsidentität bezogen, wer genau sich mit welchem individuellen Selbstverständnis der Geschlechtlichkeit und sexuellen Orientierung hinter dem Wörtchen divers verbirgt. Vielleicht ist es auch besser so. Ich blicke längst nicht mehr durch und ich will es ehrlichgesagt auch nicht im Detail nachvollziehen, welche Begrifflichkeiten und letztlich welche Kategorien der Zugehörigkeit Personen für sich entwickeln, um ihre Identität und Orientierung als geschlechtliches Wesen präziser zu konkretisieren. Oder sich als Sonderfall oder gar Randgruppe gegen Diskriminierung und Unverständnis behaupten zu wollen. Natürlich ist das ihr gutes Recht und es ist in jeder Gesellschaftsform sogar eine Notwendigkeit, um den Schutz von Minderheiten und die Menschenwürde jedes Einzelnen bewahren zu können. Wer sich nicht mit den vielfältigen Regenbogennuancen identitärer Daseinsformen auseinandersetzen möchte, wie ich es soeben von mir selbst behauptet habe, zugleich aber einfach zur Kenntnis nimmt, dass es Menschen gibt, die ihren Personenstand aus gutem Grund selbst als divers angeben, gerät offenbar schnell in den Verdacht einer diskriminierenden Bewertung und Zuschreibung ebendieser Individuen. Denn wer zu dieser Personengruppe gehört, ist verständlicher-weise höchst empfindlich hinsichtlich erlebter Ignoranz oder gar ausgrenzender Zuschreibung als Formen sozialer Gewalt. Es ist daher nicht nur ein wichtiges Statement, die Regenbogenfahne zu hissen, sondern auch die einfachste öffentliche Weise, sich gegen einen potenziellen Diskriminierungsverdacht zur Wehr zu setzen. Ein bisschen ist das wie das Schwenken einer Weißen Flagge. Und ähnlich ist es meiner Ansicht nach eben auch mit dem Gendern. Wer diese Sprache korrekt schreibt oder spricht, signalisiert nicht nur wertschätzende Anerkennung und Toleranz, sondern ist sogar bereit, die eigene Sprachgewohnheit und letztlich Denkstruktur hochkonzentriert auszu-tricksen. Um mit semantischer Akrobatik und semiotischen Kapriolen der Gefahr politisch verfehlter Correctness zu entgehen. Wie spricht man einen Gender_Gap oder ein Asterisk* aus? Na ja, man macht eben eine winzige Pause, in der Hoffnung, keine *Pause übersehen zu haben oder unterdessen den eigentlichen Sinn des Gesagten total aus den Augen zu verlieren oder aber in einen Nominalstil zu verfallen, der etwas eigentlich persönlich Gemeintes in den Olymp der Abstraktion katapultiert. Kurzum, Sprechen und Schreiben haben ihre Unschuld verloren. Wer etwas anderes behauptet, hatte schon zum Frühstück eine Buchstabensuppe mit Sternchen, Gaps, Klammern oder Punkten und hat sich während des Verzehrs nicht daran verschluckt. Ja, es geht hier jetzt auch mal um meine Befindlichkeit. Um das Gefühl der Zumutung mir und meiner Sprache gegenüber, die ich liebe. Mit den ihr zu Verfügung stehenden drei Genera und Pronomina, die mir sogar ermöglichen würden, menschliche Daseinsformen, die sich innerhalb des Spektrums zwischen weiblich und männlich bewegen, haargenau zu beschreiben. Natürlich nur, wenn sich jemand wirklich interessiert für diese fluiden oder neutralen oder non-binären Geschlechtsidentitäten oder dafür, welche in der Zwischenzeit noch dazugekommen sind. Sie präzise zu beschreiben also gelingt, wenn die Begriffe und Schlüsselwörter dieser besonderen Identitätsdefinitionen ausnahmslos in Relation oder Negation zu den Qualitäten Frau-Sein und / oder Mann-Sein benutzt werden. Bis hin zum Neutrum-Sein. Ich jedenfalls würde es mir als Transgender – also, wenn ich das wäre – nicht gefallen lassen, unter divers geführt zu werden. Niemals.
Kürzlich unterhielt ich mich mit einer jugendlichen Person, die mit mir gemeinsam auf den Bus wartete. Sie trug einen Button am Pullover, auf dem LGBTQIA+ stand. Ich fragte mein junges Gegenüber, dessen schrill buntes, ja regelrecht hermaphroditisches Outfit mir recht gut gefiel, wofür denn die letzten drei Buchstaben und das Plus stehen würden. Die Erklärung war einfach und informativ, nur leider habe ich sie sofort wieder vergessen. Nach gut einer halben Stunde Busfahrt, während welcher mein Gegenüber bewundernswert korrekt von der LGBT-Szene genderte, stellte die Person sich vor, nein, sie erzählte mir eigentlich in drei Sätzen ihre intimste Lebensgeschichte. Ich heiße übrigens Jo, bin non-binär, werde aber mit er angesprochen. Früher war ich cis und hieß Johanna, dann gab’s ne Phase, da fühlte ich mich total neutral, nein, ich war eigentlich beides gleichzeitig, bis ich mit Jule was angefangen habe, und der ist genderqueer. Ich muss wohl ziemlich blöd geguckt haben. Jedenfalls sagte Jo zum Abschied nur, tja, besser, du gewöhnst dich dran. Tschüss, mach’s gut, Alter.