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Männeken

Sep 12, 2024

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Zum Schreiben sitze ich im Wohnzimmer. In der Küche könnte ich zwar auch noch sitzen, aber dort ist es mir schlicht zu hell. Ja, ich brauche das diesige Licht, das bis zum frühen Abend in diesen großen Raum fällt und mich umgibt, wenn ich schreibe oder einfach hier sitze, aus dem Fenster schaue, bis ich wieder einen Einfall habe oder aufstehen will. Ich blicke auf die gegenüberliegende Fassade eines modernen Wohnhauses. Was ich daran besonders mag, sind die Fenster eines Apartments, dessen Jalousien seit Monaten geschlossenen bleiben. Mir ist, als schliefe diese Wohnung.

Ein einziges Mal war sie bewohnt von einem dünnen Mann etwa in meinem Alter, der ein Vierteljahr lang abends um eine bestimmte Uhrzeit in stets demselben Trainingsanzug die Spülmaschine aus- oder einräumte, danach akribisch die Arbeitsflächen abwischte, trocken polierte, um dann das Licht zu löschen und in das andere Zimmer zu wechseln. Dort stand ein Tisch mit zwei Stühlen, an dem er hin und wieder saß und etwas aß oder trank. Aber zu seinen Gewohnheiten gehörte eher, dass er sich auf ein für mich nicht sichtbares Sofa niederließ, die Beine hochlegte und etwas las oder in einen Laptop tippte. Und immer waren seine Füße dabei nackt. Ich gewann den Eindruck, er warte dort auf ein ausreichendes Maß an Müdigkeit, die ihm erlaubte, in das nach hinten gehende Schlafzimmer zu verschwinden. Er machte das Licht aus, knipste das im Flur an und betrat nochmals die halbdunkle Küche. Offenbar musste er vor dem Zubettgehen noch einmal nach der Ordnung schauen. Er überprüfte also sein vorheriges Werk, packte manchmal noch ein Glas oder einen Teller in die Maschine, wobei er jedes Mal Gefahr zu laufen schien, erneut damit anzufangen, alles abzuwischen und blank zu wienern. Er gab sich meist jedoch in seiner offensichtlichen Schläfrigkeit und dadurch bedingten Unschlüssigkeit einen Ruck, besann sich also und ging endlich schlafen. Ich taufte ihn Männeken. Das Männeken ist wieder da, rief ich meiner Frau oft zu. Doch für diese mich köstlich amüsierende, ironische Verkleinerung, mit der ich mich letztlich über den Fremden lustig machte, ja womit ich seine Rituale ins Lächerliche zog, sollte ich eines Tages bestraft werden: Denn der Gast stand diesmal völlig überraschend auf dem kleinen Balkon und – schaute direkt zu mir herüber. Wie jeden Abend muss er dabei mich gesehen haben, wie ich im Wohnzimmer sitze und schreibe.

Sep 12, 2024

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