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Meta-Ebenen (Flaneur-Essay 14)

Sep 11, 2024

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Es kann schön und buchstäblich erhebend sein, in einem Raum auf eine andere Ebene zu klettern und von dort aus herunterzuschauen: Auf die Empore einer Kirche, in den Olymp oder die Loge eines Theaters, in die obersten Sitzreihen eines Stadions – Olé-olé! – oder Hörsaals. Auf die schummrige Galerie eines Clubs, um im Cocktail-Dschumm heimlich schöne Tänzer zu beobachten. Im Gegensatz zum Besteigen eines Turms oder irgendeines steil nach oben ragenden Gebirges mit der Verheißung auf den Blick in die Panoramaweite und Tiefe stellt sich beim bloßen Standortwechsel im Innenbereich nur selten Höhenangst ein.

Bei der rein geistigen Tätigkeit, sich auf eine Jenseits- oder Meta-Ebene zu begeben, um den Vorgang der Abstraktion oder Deutung aus der Vogelperspektive zu begünstigen, kann es einem jedoch bei dem vollständigen Panorama der jeweiligen Fragestellung durchaus schwindlig werden. Sich dann wieder auf die empirische, undurchsichtige Ausgangssituation zurück abzuseilen, das gelingt nicht immer. Gelegentlich folgt sogar ein luftiger Höhenflug des Denkers, den keiner mehr nach seinem seligen Abheben zu erreichen vermag. Oder der riskante Absturz ins Chaos, der dem Scheitern ähnelt oder zumindest einem endgültig ungelösten Problem recht nahekommt.

Sogar Therapeuten bedienen sich dieses Tricks. Sie laden den Patienten dazu ein, sich und seine Wüstenei von außen oder eben von oben zu betrachten. Gewissermaßen das Vorzeichen der eingefleischt ewigen Nabelschau zu ändern. Oder auch sich in die Lage eines anderen zu versetzen, am besten in die eines guten Freundes, um sich eine andere, eine bessere, weil liebevolle Meinung von sich selbst zumindest vorzustellen. Auch hier besteht ein gewisses Risiko, dass der Profi wohlweislich gründlich abzuwägen hat, bevor er den Wanderer, den er durch seine tiefen Täler begleitet, auf den Gipfel jagt. Denn womöglich befindet der sich in einem Seelenzustand, der mit Selbstentfremdung zu umschreiben wäre. Das Dilemma eines darunter Leidenden beruht in der Unfähigkeit, sich anders als von außen zu erleben. Er steht derart nicht nur neben sich, als wäre er ein ganz anderer, sondern kann auch seine Umwelt nicht anders wahrnehmen als durch eine Glasglocke, die ihn von allem trennt und zur Isolation verdammt. Und selbst die eigene, tragische Einsamkeit kann derjenige nicht wirklich fühlen, ja, sein Leiden besteht vielleicht gerade darin, gar nichts fühlen zu können. So jemanden demnach aufzufordern, wie eine Drohne über sich zu kreisen, könnte zu einer totalen psychischen Implosion und dem endgültigen Abbruch der therapeutischen Allianz führen. Denn ganz zurecht würde sich der Patient als total unverstanden erleben, was wiederum die Erfahrung wiederholen dürfte, von sich selbst nicht verstanden zu werden, erstrecht von keiner Menschenseele anderen.

Vermutlich wäre es den Versuch wert, den mentalen Prozess als Kniff genau umzukehren: Ein tiefes Eintauchen in sich selbst, und zwar so lange, bis in der Zappendüsternis zum ersten Mal das kleine Kind auftaucht, das man einst gewesen ist. Denn dieses Hutzel war damals noch nicht fähig, sich von innen oder außen her näher zu betrachten. Die beim ersten Mal noch höchste Qual im Augenblick der Ich-Begegnung dürfte nach und nach die Einsamkeit zumindest lindern, da ab sofort ein kleines Wesen überall mit spaziert. Getragen und getröstet werden muss, eine vergessene oder gänzlich ungeahnte Gnade, die der Große irgendwann auf langer Strecke verloren haben muss.

 

Sep 11, 2024

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