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Magisches Denken

Nov 11, 2024

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Bild: pixabay.com. Alter Mann, Karneval.


Seit einigen Jahren ist die Uhrzeit Elf-Uhr-Elf in magisch bedeutsamer Weise für mich unheimlich geworden. Selten schaue ich auf die Uhr, und wenn ich es doch tue, ist es meist genau elf nach elf. Mag sein, dass mein Blick von der symmetrischen Struktur einer digitalen Anzeigen angezogen und erfasst wird. Manchmal, wenn meine Frau grad neben mir sitzt, sage ich in diesem kleinen Zeitfenster sogar laut vor mich hin: Elfuhrelf. Inzwischen ergreift dann auch sie das Fürchten, obwohl wir nie darüber gesprochen haben, was wir dabei fühlen oder denken. Wir erstarren förmlich, sind erst dann erleichtert, wenn wir auch an diesem Vormittag diesen fies gedehnten Sekundenmarathon heil überstanden haben, ohne dass uns das Geringste geschehen ist.

Ich weiß, dass die Zeit des rheinischen Karnevals am elften November genau mit dieser Uhrzeit beginnt. Auch das ist magisches Denken, das als kleinste zweistellige Prim- und Schnapszahl oder als sperriges Gebilde zwischen den harmlos harmonischen Nummern zehn und zwölf verkeilt jenseits christlicher oder einer andren Numerologie zum Stillstand gekommen ist. Die mathematische Bedeutung ist mir ehrlich gesagt zu hoch. Und Fußballelfer interessieren mich null-komma-null, auch wenn ich das Elfmeterschießen für einen saublöden Vorgang halte, da er nichts weiter ist als das – oft den finalen Sieg entscheidende – Duell zwischen dem ängstlichen Torwart und einem nervösen Endspieler.

Es könnte sein, dass meine Fixierung auf diese Uhrzeit etwas mit meiner subkutanen Todesangst zu tun hat. Nahezu an jedem Tag also werde ich an den gottseidank mir unbekannten Zeitpunkt erinnert, an dem auch mein Leben zu Ende gehen wird. Somit wäre es ein Symbol für mein ganz persönliches Memento Mori. Daher meine Minutenangst vor einer diffusen Bedrohung, die konkretisiert zur Befürchtung wird, es könnten mir ein Riesenast oder der ganze Himmel auf den Kopf fallen, das entgegenkommende Auto mich töten, der düstere Kerl im Bus sich in die Luft sprengen. Oder diese Furcht vor einem unerkannten Aneurysma im Kopf, welches platzen und mein Hirn überschwemmen könnte oder das Herz, das während eines plötzlichen Infarkts zum Stillstand kommen würde. Genauso auch die fürchterliche Angst, meiner Frau könnte genau in diesem verhängnisvollen Augenblick irgendetwas zustoßen…

Wenn ich sterbe, werde ich höchstwahrscheinlich nicht auf die Uhr schauen. Den genauen Zeitpunkt wird wohl ebenfalls kein Mensch exakt bestimmen können. Es sei denn, jemand sitzt nah neben mir und stoppt bei meinem letzten Schnaufer genau den ausgehauchten Moment der Lebenszeit, die nun einmal vorüber ist. Ein Arzt wird es sicher sein, der den Todeszeitpunkt bestimmt, sobald er oder sie den Tod dann festgestellt haben wird. Eine seltsame Vorstellung hinsichtlich des eigentlichen Moments des Sterbens, der also still und heimlich, völlig einsam aus der Ordnung einer Zeit fällt, die den Lebenden vorenthalten bleiben wird.

Beide Eltern starben in ebendieser Art allein. Niemand saß an ihrem Bett. Irgendwann des Nachts. Bei meiner Mutter trat der Tod sogar irgendwann in einer Spanne zweier Tage ein. Seltsam war dabei, dass beide Male meine Uhr in diesen Sterbenächten – stehenblieb.

Nov 11, 2024

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