
JETZT ist's so weit: Am 15. Juli 2024 im Handel: Bunkern
Jul 12, 2024
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Mein Roman ist demnächst als Taschenbuch und als eBook über amazon.de erhältlich.

Zum Inhalt:
Der Ich-Erzähler Mattis erbt nach dem mysteriösen Selbstmord seines Onkels Gustav (Gustl) ein Millionenvermögen. Er gibt seinen Job auf, bricht
mit seinen Eltern und zieht sich völlig auf Gustls Anwesen zurück. In der weitläufigen Villa entdeckt Mattis seltsame Dinge, die sein bisheriges Bild vom Onkel immer mehr verschleiern. Stück um Stück versucht Mattis sich dem exzentrischen Doppelleben Gustls anzunähern, ohne es jedoch wirklich fassen zu können. Als er sich schließlich in eine Amour Fou mit Gustls Jugendfreund Beat stürzt, droht er sich endgültig in das Alter Ego seines Onkels zu verwandeln. Doch mit Beats Hilfe kann er endlich ein erlösendes Geheimnis lüften, das Gustl streng zu hüten wusste. Aus gutem Grund, wie sich zeigen wird. Zur selben Zeit gerät die Welt durch eine Seuche und Naturkatastrophen an den Abgrund. Mattis beginnt mit Beats Unterstützung den Keller seiner Villa als Schutzraum auszubauen. In der vermeintlich geschützten Isolation seines Bunkers schließlich ringt der Erzähler vor allem um den Sinn seines Daseins und sieht sich den existenziellen Fragen über Liebe, sexuelle Identität, Verlust und Tod unausweichlich ausgeliefert. In ihrem verzweifelten Bemühen, die drohende Dystopie zu überleben, erweisen sich die Figuren letztlich als unsere Verbündete, deren Hoffnung auf ein gutes Ende wir teilen mögen, auch wenn es sich als trügerisch erweisen könnte.
Hamdorf hat mit Bunkern ein Endzeitgemälde gezeichnet, das bei aller Dramatik augenzwinkernd und zutiefst menschlich die moralische Eiszeit und Apokalypse-Panik unserer heutigen Gesellschaft porträtiert.
Titus David Hamdorf: Bunkern
Auflage 2024, 189 Seiten
Originalausgabe
© Titus David Hamdorf, Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 979-8-329-96882-8
Leseprobe:
1
Am Anfang steht sein Tod. Genauer gesagt, mit seinem Erbe hat für mich etwas Neues begonnen. Einer der Gründe, weshalb ich hier sitze und schreibe, etwa anderthalb Jahre nach seinem Tod. Mein Onkel Gustav, den ich schon immer Gustl nenne, er fehlt mir, obwohl ich ihn zu seinen Lebzeiten weniger kannte als ich dachte. Er ist einer der wenigen Menschen, den ich hier und heute vermisse. Das Ganze wird ein bisschen leichter, wenn ich hin und wieder seinen Namen laut vor mich hinsage oder sogar ein Weilchen lang mit ihm spreche. Ich sage zu ihm, du hast es für dich entschieden. Inzwischen kann ich ahnen, welche Gründe du hattest, eines Tages mit dem Vorsatz unters Dach zu steigen, dich dort mit einem Zaumzeug aufzuhängen. Einem für Pferde. Aber warum. War es die pure Befreiung von deinem Leben. Einfach Schluss damit, genug davon. Ich bemühe mich deine Spuren zu verstehen, habe dazu fast alle deine Freunde getroffen und befragt. Überhaupt versuche ich mich an dich zu erinnern oder an das, was mein Vater früher über dich erzählt hat. Wie du siehst, bin ich schon eine ganze Weile dabei, zu sammeln und zusammenzufügen, was ich finden konnte und ganz ohne deine Unterstützung enträtseln muss. Eine ziemliche Zumutung, finde ich. Was mir das bringen soll, fragst du jetzt wahrscheinlich. Das kann ich dir auch nicht genau sagen. Ich nehme aber an, es hat etwas mit mir selbst zu tun.
Manchmal gehe ich zum Schreiben auch nach oben ins Kaminzimmer, weil ich dort deine Fotos auf dem Sims aufgestellt habe, die mir kürzlich in die Hände gefallen sind, ein loses Bündel. Ich vermute, du hast sie ganz oben im Regal hinter den Büchern gebunkert, weil du sie sicher vor dir selbst verstecken wolltest. Wie den Schatz eines Kindes, den keiner entdecken darf, weil er dann ganz einfach kein Geheimnis mehr ist. Das sähe dir ähnlich. Das erste Bild stammt aus dem Jahr der Geburt meines Vaters, deines Bruders Peter. Du stehst als Zweijähriger neben seiner Wiege und schaust böse in die Kamera, vielleicht aus Trotz, weil man dich vorher in diese Pose gezwungen hat. Die nächste Aufnahme zeigt dich mit einer Schultüte. Dieses an sich banale Foto mag ich besonders wegen seiner blassen Farben. Deine Mutter muss deine Locken vorher mit Gewalt gestriegelt und gescheitelt haben. Auch mag ich dieses Bild wegen deiner grünen Augen, die farblich im Kontrast zur kirschroten Kinderkrawatte stehen. Und es ist für mich der allererste Beleg für unsere frappierende Ähnlichkeit. Total anders eine Fotografie aus derselben Zeit oder sogar von genau demselben Tag. Da hockst du mit verschränkten Beinen auf der Autohaube eines dunkelblauen Wagens und lachst. Du wirkst erleichtert, hast Ranzen und Lackschuhe abgeworfen. Deine Frisur ist zerstört und deine Sonntagshose verdreckt. Andere Zeugnisse aus deiner Kindheit gibt es nicht. Erst wieder die Momentaufnahme von dir als sechzehnjährigem Kaufmannslehrling. Inzwischen bist du ausgewachsen, im Mundwinkel lässig eine Kippe. Da finde ich dich extravagant mit deinem hellblauen Cordanzug und dem gelbem Hemd, mit den Reiterstiefeln, die du getragen hast, solange ich denken kann. Allerdings habe ich den Eindruck, als wäre dir nicht wohl in deiner Haut. Vielleicht liegt es daran, dass du wegen der Lehrstelle in der Bank deine Kraushaare hast kürzen müssen. Es gibt tatsächlich nur ein einziges Foto, auf dem du in Gesellschaft eines etwas jüngeren Jugendlichen ausgelassen zu sein scheinst. Ihr zwei steht lässig vor einem weißen Cabriolet, tragt Schlaghosen und hautenge Rollis. Da rauchst du schon Pfeife wie später immer. Ihr habt einander die Arme um die Schultern gelegt. Inzwischen weiß ich endlich, wer dieser Junge ist. Der hübsche Beatus, dein bester Freund Beat. Dieses Foto, gebe ich zu, macht mich jedes Mal eifersüchtig, und zwar auf euch beide, eure enge Freundschaft und überhaupt. Doch das letzte, vollkommen zerknitterte Farbbild, als hätte es jemand ständig mit sich herumgetragen, ist das mit Abstand mysteriöseste Fundstück. Ich halte es sogar für den Dreh- und Angelpunkt nicht nur deiner Geschichte, sondern auch meiner versäumten Beziehung zu dir. Du weißt sicher ganz genau, welches Foto ich meine, Gustl. Das mit dir und Beat im Krankenhaus. Aus welchem Grund du damals dort gewesen bist, als Patient offenbar, und wieso du es überhaupt aufbewahrt hast, bleibt mir ein Rätsel.
Meine kleine Bildersammlung endet mit meinem Geburtsjahr. Die letzte Aufnahme zeigt Gustl und mich als Baby. Seine riesigen Hände halten meinen Brustkorb umschlossen und mein zerknittertes Gesicht liegt an seiner Wange. Er lächelt. Anfang Vierzig war er da, bereits völlig ergraut, mit Lesebrille, Vollbart und Wohlstandsbauch. Es wird sein erster Besuch gewesen sein, den er mir abgestattet hat. Ich bin sicher, dass meine Eltern ihn dazu niemals eingeladen haben werden. Denn zwischen ihnen und Gustl lagen schon immer gewaltige Gräben. Was möglicherweise auch der Grund ist, weshalb auf keinem Exemplar dieser lückenhaften Fotosammlung mein Vater auftaucht, den in der Familie alle außer mir das Peterle gerufen haben. Ganz zu schweigen von einer Fotografie meiner Mutter Martha. Gustav und Peter, die beiden waren äußerlich und in ihrem Wesen derart unterschiedlich, dass kein Außenstehender sie tatsächlich für Brüder gehalten hätte. Mein Onkel ist laut Überlieferung meiner Großmutter von klein auf ernsthaft gewesen, als wäre er schon mit einer unerschütterlichen Freudlosigkeit auf die Welt gekommen. Nach Aussage meines Vaters muss er ein verschlossener, ausgesprochen störrischer Junge gewesen sein, der zu Tobsuchtsanfällen neigte, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging. Vater selbst dagegen ist wohl ein gutmütiges und heiteres Kind gewesen, das von Krieg und Hunger nichts mehr mitbekommen hat. Blass, empfindlich und anfällig für Krankheiten bin ich gewesen, war ein Spruch von ihm, genau deshalb bin ich ja auch Arzt geworden. Gustav hingegen, dessen Haut schon im Frühjahr tiefbraun war, schaute mit seinen schwarzen Haaren eindeutig nicht aus wie ein Mitglied unseres Clans. Im Unterschied zu seinem kleinen Bruder oder auch im Vergleich zu den Cousins Ludwig und Ferdinand war er bereits mit vierzehn ausgewachsen und gut zwei Köpfe größer als die beiden. Überhaupt alles wirkte an ihm viel zu groß geraten. Selbst sein Schädel sprengte die Altersnorm. Mir ist er neben meinem Vater schon immer wie Superman vorgekommen. Tatsächlich erzählte Vater uns oft Geschichten über ihn, die ich kaum glauben wollte, weil sie allesamt wie bitterböse Märchen klangen. Sie erzählten von regelrechten Martyrien, die er als Kind ertragen musste. Ich jedenfalls misstraute ihnen, obwohl ich den Horror manchmal auch ein bisschen mochte, der geradezu biblische Bruderhass Albträume in mir erzeugte. Wen mein Vater damit beeindrucken oder von Gustavs schlechtem Charakter überzeugen wollte, ob Mutter oder mich, lässt sich schwer sagen. Ich erinnere mich aber an kein einziges Familienfest oder Sonntagessen ohne diese Kurzgeschichten aus der Kindheit. Er hat sie mit einer ganz bestimmten Floskel zu erzählen begonnen. Sobald mein Vater sich also nach längerem Schweigen räusperte und sagte, keiner von euch kann sich vorstellen, wer Gustav in Wirklichkeit gewesen ist, hielten Mutter und ich die Luft an und warteten. Eigentlich genügte es, Vaters Räuspern zu hören. Sogar an meinem fünften Geburtstag erzählte mein Vater den Freunden, die ich eingeladen hatte, keiner von euch kann sich vorstellen, wer mein Bruder Gustav in Wirklichkeit gewesen ist. Eines Nachts im Winter, kurz vor Heiligabend, da hat er mich aufgeweckt. Stellt euch vor, ich war grad fünf geworden, ja, ganz genauso alt wie euer Freund Mattis hier. Dann hat er mir befohlen ihm nach draußen zu folgen. Es war Vollmond, ein helle Winternacht, überall waren dunkle Schatten. Ich hatte fürchterliche Angst. Mein Bruder ging voraus, mit riesigen Schritten, und zog mich hinter sich her. Bis wir zu einem Jägerstand kamen. Da musste ich hochklettern, er hat mich gezwungen. Als wir oben waren, hat er mir plötzlich befohlen meine Hosen runterzulassen und von oben runterzupinkeln. Stellt euch das mal vor. Ich habe natürlich wegen der Kälte nicht gekonnt. Und wisst ihr was, er hat nur laut gelacht. Mich ausgelacht. Ha-ha-ha-ha. Ich weiß nicht mehr, wie wir wieder heimgekommen sind. Er hat mich nur gewarnt. Wenn du den Eltern was verrätst, prügle ich dich grün und blau. Was das bedeuten würde, wussten die meisten von uns Kindern. Ich weiß noch, wie die kleine Lotti, in die ich damals verliebt war, heulend aus dem Zimmer rannte und sofort nach Hause gebracht werden musste.
Gustav soll damals außerdem versucht haben, das Peterle mit dem Kissen zu ersticken oder beim Baden zu ertränken. Mein Vater wird es genau so erlebt haben, denke ich. Aber es wollte mir nie in den Kopf gehen, dass ein Kind derart heimtückisch sein konnte. Ohne Frage wird mein Onkel seinen kleinen Bruder oft drangsaliert haben, ohne dass meine Großeltern Max und Renate etwas mitbekommen haben. Mein Vater beendete die meisten seiner Geschichten daher mit dem Satz, sogar unsere Eltern hatten Angst vor ihm. Vor seiner Zerstörungswut, mit der er ganze Zimmer verwüsten konnte. Großmutter Renate hat wahrscheinlich schon geahnt, dass ihrem Jüngsten manchmal irgendetwas widerfuhr, womöglich sogar Schlimmes. Sie wird ihn nur zu trösten versucht haben, das sei ganz normal unter Brüdern, etwas in der Art. Oder aber sie wollte gar nicht wahrhaben, wie schrecklich das Peterle tatsächlich litt und wie gemein ihr Ältester dann war. Ich nehme an, mein Vater wird eine schwere Kindheit gehabt haben. Oft fühlte ich mich sogar schuldig, weil ich diesem Onkel ähnlicher sah als meinem Vater. Die Eltern vermieden es, das auszusprechen, was für andere offensichtlich war. Ich sah aus wie Gustavs Sohn. Immerhin ließen sie es zu, versuchten es mir nicht einmal auszutreiben, dass ich ihn abgöttisch liebte. Und etwa seit dem achten Lebensjahr meine Sommerferien lieber bei ihm verbringen wollte als zu Hause. Auch wenn Gustl der einzige ist, der mir je im Leben Kopfnüsse und Fußtritte verpasst hat. Er schien mich zu mögen, seinen einzigen Neffen. Wie sonst vielleicht nur Ludwig. Du und Ludo, ihr seid für mich das Fuzel von Familie, das ich ertragen kann, hat er mir einmal gesagt. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, was er meinte.
Wenige Wochen nach Gustls Tod rief mein Vater mich an und fragte, ob auch ich zur Testamentseröffnung eingeladen worden sei. Ich bejahte, obwohl ich eigentlich keine Lust hatte hinzugehen. Denn die Angelegenheit interessierte mich nicht besonders. Weder meine Eltern noch ich wussten zu diesem Zeitpunkt, ob Gustav überhaupt etwas Schriftliches hinterlassen hatte und falls ja, wie sein letzter Wille dann lauten könnte. Kein Abschiedsbrief nach seinem Freitod, aber ein Testament, das wäre doch total unlogisch, dachte ich mir. Es stand für uns alle lediglich fest, dass Gustav neben dem elterlichen Anwesen, für dessen Hälfte er meinen Vater bereits vor Jahrzehnten ausgezahlt hatte, ein erhebliches Vermögen hinterlassen würde. Ich ging davon aus, dass mein Onkel nicht einmal jenem Fuzel von Familie, den er noch ertragen hatte können, auch nur einen Cent hinterlassen würde.
Die Urkundsbeamtin im Nachlassgericht namens Frau Cordula war eine freundliche, kleine Frau, die in einem Rollstuhl saß und gerade so über die Tischkante schauen konnte. Ich mochte sie sofort. Sie war geduldig mit uns, als es zum von ihr häppchenweise verlesenen Testamentstext und den zahllosen Anlagen und Anmerkungen, die Gustl wohl später noch ergänzt haben musste, einiges zu fragen gab. Frau Cordula blieb sogar noch liebenswürdig, als mein Vater sie ständig und immer schroffer werdend unterbrach. Sie lächelte leise, nickte und erklärte, was der genaue Wortlaut sinngemäß bedeutete, welche Paragrafen des Erbrechts diesen und jenen Textabschnitt zweifelsfrei rechtsgültig werden ließen. Sie sagte, wie gut sie Vaters Beanstandungen und Skepsis nachvollziehen könne und wie leid ihr all das durchaus tue. Frau Cordula vermied sogar das große Aber gleich danach. Meine Mutter legte ihre Finger auf Vaters Arm, als der jetzt anfing über die Rechtsprechung zu fluchen und schlichtweg unverschämt zu werden. Sie ließ ihre Hand wie ein Kissen dort liegen, bis er sie abschüttelte. Ich konnte die Wut meines Vaters verstehen. Denn schließlich war es jetzt amtlich, dass Gustav ihm nichts, rein gar nichts hinterlassen hatte. Das war eine nicht zu erwartende Wendung. Ein Schock. Noch dazu ließen einige Passagen im Text eindeutig erkennen, dass mein Onkel diese mit Bitterkeit und Hohn verfasst haben muss. In der ausführlichen Begründung für seine Entscheidung schrieb er, ich weiß, Peterle, dass ich in unserer Kindheit oft ein böser Bruder war. Das tut mir rückblickend leid, zumindest teilweise. Aber wieso hast du später, als wir beide erwachsen waren, nie, nicht ein einziges Mal nachgefragt, warum ich dich damals so gemein behandelt habe. Ich kann dir darauf gern antworten, Peterle. Du hast dich in deiner Arroganz niemals im geringsten für mich interessiert. Ich war für dich einfach der gewalttätige, rücksichtslose Draufgänger, das Schwarze Schaf in der Familie, für das du mich immer gehalten hast. Doch es gibt einen bestimmten Grund für mein Verhalten als Kind. Aber den werde ich dir auch jetzt nicht verraten. Die Chance hast du verpasst, Brüderchen. Unser Cousin Ludwig weiß Bescheid, aber ich habe ihn schon damals zum Schweigen verpflichtet. Das Geheimnis habe ich also mit ins Grab genommen, wie es so schön heißt. Und deine liebe Martha, das muss ich an dieser Stelle loswerden, ist eine kalte Schlange, die mich von Anfang verachtet, ja wie du gehasst hat. Aber nicht nur aus Solidarität mit dir, was ich sogar verstanden hätte, sondern aus dieser ekelhaft bigotten Moral heraus, in der du der Gute und ich der Leibhaftige in Person bin. Diese Passage gefiel mir insgeheim besonders gut, ich gebe es zu, denn die Ablehnung, ja Verteufelung von Gustl, die meine Eltern mit tiefer Inbrunst stets aufrechterhalten haben, empfand ich schon als kleiner Junge unfair und fies. Doch das von meinem Onkel hinterlassenes Rätsel, mit dem er unzweideutig seinen kleinen Bruder bestrafen wollte, gab in diesem Moment selbst mir einen Stich. Schließlich hatte er auch mich nicht eingeweiht in sein Leben, hatte nur Ludwig oder vielleicht noch diesem Freund Beat gegenüber etwas davon preisgegeben. Plötzlich riss mich Frau Cordula aus meinen Gedanken. Sie hatte mich direkt angesprochen. Bei der folgenden Erklärung Ihres verstorbenen Onkels sollten vor allem Sie jetzt genau zuhören, sagte sie. Ich nickte, versuchte mich zu konzentrieren und hörte, was sie mir vorlas. Gustl nannte mich Wahlsohn. Ich sei der einzige Grund gewesen nicht endgültig mit dem Bruder gebrochen zu haben. Er hob meine Intelligenz hervor, was mir peinlich war, meinen Humor und Charakter, der mich vor den erzieherischen Vergiftungen meiner Eltern, vor allem aber vor den Auswirkungen der Doppelmoral meiner Mutter bewahrt habe. Ich war rot geworden und musterte meine Schnürsenkel. Frau Cordula aber las noch weiter. Im Angesicht meines Freitods bereitet es mir daher die allerhöchste Genugtuung, ja Befriedigung, dass mein Bruder leer ausgehen wird, wohlgemerkt abzüglich der bereits durch mich erfolgten Auslösesumme für die festen Vermögensanteile an der Villa im damaligen Erbschaftsfall unserer Frau Mutter. Als Alleinerben meines gesamten Vermögens also setze ich hiermit meinen Neffen Mattis ein, einziger Sohn meines Bruders Gustav und seiner Gattin Martha. Dieser Absatz endet damit, dass er überaus glücklich sei zu wissen, dass ich ab sofort und bis an mein Lebensende frei sei und völlig unbeschwert leben könne. In Klammern hat er dazu einen an mich gerichteten Kommentar gesetzt. Jetzt kannst du endlich deinen sadistischen Beruf als Zahnarzt aufgeben, mein Junge. Ich saß da, schwitzte und schämte mich, wollte vor Vater im Boden versinken. Ich traute mich nicht ihn anzuschauen. Stattdessen starrte ich jetzt auf Frau Cordulas Mund, der diese unfassbaren Neuigkeiten vorgetragen hatte wie die Vorhersage einer sich nähernden Sturmfront. Das ist formvollendet, dachte ich bei mir, aber es ist eigentlich auch schrecklich. Vater sprang auf und stürmte aus der Amtsstube. Frau Cordula schlug leise vor, eine kleine Pause einzulegen, sie könne uns gern etwas Wasser oder Kaffee bringen. Jetzt stand auch Mutter auf und verließ das Zimmer. Sie wird nach Vater schauen und ihn sicher wieder reinholen, dachte ich. Ich räusperte mich und fragte Frau Cordula, kann ich das Erbe denn noch ausschlagen. Sie schüttelte den Kopf. Eine notariell beglaubigte Schenkung an die Eltern sei zwar eine Möglichkeit, falls mir der Antritt meiner Erbschaft aus moralischen Gründen schwerfallen oder unmöglich erscheinen sollte. Ich war mir sicher, dass Vater mich ab sofort genauso hassen würde, wie er Gustl gehasst hat. Die freundliche Frau vor mir war zum Fenster gerollt und hatte es angekippt. Ein schwüler Hauch Sommerwind kam herein. Dicke Luft, meinte sie lächelnd. Wir warteten und schwiegen verlegen. In einer anderen Situation hätte ich sicher gern mit ihr geplaudert. Aber mein Kopf war leer. Und ich fühlte mich plötzlich furchtbar erschöpft. Irgendwann kehrten meine Eltern wieder zu uns zurück. Mutter hatte geweint, das konnte ich an ihrem spitzen Gesicht erkennen. Mein Vater schien inzwischen völlig aufgegeben zu haben. Er sagte nichts mehr, während die letzten Anlagen verlesen und uns das weitere Vorgehen erläutert wurden. Im allerletzten Nachtrag hatte Gustl noch Wünsche und ausdrückliche Verbote festgehalten, die in erster Linie seine Bestattung betrafen. Da ich inzwischen nichts mehr von alledem verstand, machte ich mir Notizen auf meinen Unterarm, die hinterher allerdings nicht mehr zu entziffern gewesen sind. Ich spürte nichts mehr außer einer unsäglichen Schläfrigkeit. Kein bisschen Freude oder Erleichterung oder sonst etwas. Frau Cordula sah mich bei der Verabschiedung mitfühlend, ja fast zärtlich an, als wolle sie mich aufmuntern oder irgendwie trösten. Und ich wäre am liebsten vor ihr auf die Knie gesunken, hätte sie umarmt und mein Gesicht in ihrem Schoß vergraben.