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Ich fliege immer weiter fort... (Kap. 5)

Jul 23, 2024

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Ich hatte bis gestern wieder eine schlimme Mandelentzündung. Wenn ich hohes Fieber bekomme, wickelt Mama mir eiskalte Tücher um die Waden. Sie sagt, das ist viel besser als ein Zäpfchen. Eine schwindelige, komische Temperatur ist das. Die wandert von unten zu meinem Kopf hoch und wieder zurück. Ich weiß nicht mehr, ob mein Körper kalt oder ob er noch heiß ist. Mama bringt mir einen Multivitaminsaft, den es bloß dann gibt, wenn Cara oder ich krank sind. Dann geht Mama wieder aus dem Zimmer. Sie hat vorher den Rekorder aus dem Wohnzimmer neben mein Bett gestellt und eine von ihren Kassetten angemacht, auf denen sie vom Radio klassische Musik aufnimmt. Eigentlich ist fast auf allen Bändern die Musik von Bach drauf.

Tagsüber habe ich meist geschlafen oder die ganze Zeit den Bach angehört. Ich kenne fast schon alle seine Stücke auswendig. Am liebsten aber mag ich die mit Klavier. Manchmal lausche ich auch auf die Geräusche im Haus, wenn jemand über die Treppen rauf und runter läuft. Ich höre, wie die Mama in der Küche mit Töpfen und Geschirr klappert. Heute Morgen hat sie im Wohnzimmer eine bestimmte Melodie auf ihrer Geige geübt. Denn sie spielt in einem Orchester. Ich frage mich, wann sie wieder reinkommt und mir was mitbringt. Ich bin hungrig, vom vielen Saft habe ich Bauchweh bekommen und mein Hals tut weh. Aber sie kommt und kommt einfach nicht mehr wieder. Nur die Bachmusik ist da.

Inzwischen ist auch die Cara von irgendeiner Freundin wieder daheim. Ich höre die beiden unten miteinander reden. Wahrscheinlich essen sie grad Mittag, denn ich rieche irgendwas mit Bratkartoffeln. Rufen will ich nicht, weil das zu sehr wehtut. Außerdem kann es die Mama überhaupt nicht leiden, wenn wir andauernd Mama, Mama, Mama rufen.

Jetzt ist es still geworden, die Kassette hat aufgehört und Mama macht wie immer ihren Mittagsschlaf. Vielleicht kommt es mir auch so still vor, weil ich ein bisschen weine. Meine Zähne klappern, obwohl ich ziemlich fest auf meinen Daumen beiße. Niemand kommt. Ich habe mir auf einmal vorgestellt, wie das sein würde, wenn überhaupt nie mehr jemand zu mir hochkommt. Dieser Gedanke hat mir große Angst gemacht. Ich habe dann das Band wieder umgedreht und die An-Taste gedrückt. Ich wollte außerdem nicht, dass jemand mich unten weinen hören kann. Sondern als einziges das schöne Konzert von Bach, auf ganz leise gestellt.



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Jul 23, 2024

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