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Ich fliege immer weiter fort... (Kap. 8)

Jul 27, 2024

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Ein transidentes Kind erzählt



Es macht mich total wütend, dass Mama mir nie Klamotten für Jungen kauft, die ich mir wünsche. Für die Einschulung jetzt hat sie mir so eine Bluse mit Rüschen und einen Rock gekauft. Dazu noch hässliche rote Lackschuhchen. Ich will das nicht anziehen, habe ich sie immer und immer wieder angeschrien. Da hat sie die Lippen zusammengekniffen und mir eine Ohrfeige verpasst. Das macht sie nur ganz selten, also wenn sie wirklich böse auf mich ist. Ich merke, dass sie auch darüber traurig ist, weil sie mich viel lieber als Tochter anziehen möchte. Bestimmt hat sie bloß Angst davor, was die Nachbarn und die Familie über mich sagen. Oder dass etwas mit mir nicht stimmt oder wie schlimm das ist mit solchen Eltern, die das bei dem eigenen Kind durchgehen lassen. Nur bei der Sportkleidung drückt Mama ein Auge zu. Ich darf zum Beispiel eine Badehose tragen, wenn ich schwimmen gehe, oder Fußballschuhe oder eine Baseballkappe. Papa hat mir zum Geburtstag sogar genau solche Wanderschuhe geschenkt, die auch mein Cousin bekommen hat, und ein Taschenmesser, das ich mir gewünscht habe. Ich trage so oft wie möglich Sportsachen.

 

Die Mama hat es wirklich nicht leicht mit mir, das weiß ich. Außerdem ist sie sehr krank. Sie hat als junges Mädchen eine schwere Grippe gehabt. Davon hat sich dann ihr Herz entzündet und ist an irgendeiner Stelle kaputt gegangen. Sie nimmt jeden Tag eine kleine gelbe Tablette, die das Herz stärkt. Eigentlich ist das ein Gift, hat sie mir erklärt, aber bei so einer winzigen Menge passiert noch nichts. Trotzdem ist die arme Mama oft erschöpft und hat blaue Lippen und kriegt keine Luft. Sie schläft viel, und morgens steht sie gar nicht erst auf. Der Papa macht dann unser Frühstück.

Ich habe dauernd Angst, dass die Mama bald stirbt. Umso mehr tut es mir leid, wenn ich sie so oft wütend mache. Zum Beispiel, wenn ich nachmittags draußen Ball spiele und sie mal wieder beim Mittagsschlaf störe. Sie sagt auch, ich bringe sie noch um, wenn ich nicht aufhöre zu behaupten, dass ich ein Junge bin. Oder wenn ich mich wehre, wenn sie auf ein Taschentuch spuckt, um mir etwas aus dem Gesicht zu wischen. Ihre Spucke riecht so komisch. Oder wenn sie sich im Bad ganz nackig mit einer Creme einreibt, das finde ich richtig eklig.

Manchmal ist Mama tagelang traurig und liegt eigentlich nur oben im Bett. Die Läden sind zu. Dann gibt es Tage, da singt sie und lacht viel und will zum Beispiel mit mir durchs Wohnzimmer tanzen. Sie möchte dann immerzu mit mir schmusen. Das will ich eigentlich nicht, weil ich dafür inzwischen zu groß bin, finde ich. Als ich noch klein war, war ich ein Nesthäkchen, sagt Mama. Du hast immer an meinem Rockzipfel gehangen, mein Mäuschen. Daran kann ich mich aber überhaupt nicht mehr erinnern.


Autor: Titus David Hamdorf (2023)


Jul 27, 2024

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