
Ich fliege immer weiter fort... (Kap. 4)
Jul 22, 2024
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Ein stilles Kind erzählt
Seit ich ein eigenes Zimmer habe, spiele ich dort am liebsten. Ich spiele sowieso lieber allein. Manchmal auch mal im Garten oder auf der Straße vorm Haus. Am besten gefällt es mir aber in meinem Zimmer. Ich spiele mit Lego, Playmobil und mit Matchboxautos oder mit allem auf einmal. Ich erfinde immer neue Geschichten, am meisten irgendwas mit Indianern. Und es hört sich echt an, wenn ich mit dem Mund nachmache, wie ganz viele Pferde auf einmal losgaloppieren. Oder wie ein Adler über der Prärie pfeift oder wie sich ein Gewehrschuss anhört und dann der Cowboy, der getroffen wird. All das kann ich so mit dem Mund nachmachen, dass es wie in echt klingt. Oder wie in der Fernsehserie Western von gestern, die ich bei unseren Nachbarn anschauen darf.
Mit den anderen Kindern aus dem Ort bin ich eigentlich nicht gern zusammen. Außer sie hören mir zu, wenn ich ihnen eine selbst erfundene Geschichte erzähle. Oder ich die Spielregeln komplett neu erfinden darf. Manchmal, eher selten, spielen wir auf der Straße Fußball oder fahren Rollschuh mit Stöcken, mit denen wir alte Blechdosen ins Tor schießen wie beim echten Hockey. Aber ich gehe eigentlich nur dann raus, wenn eines von den Kindern bei mir geklingelt hat und mich fragt, ob ich das oder das mit ihm spielen will. Ich traue mich nicht, dem anderen Kind einfach so abzusagen, weil es dann womöglich traurig oder beleidigt ist. Deshalb mache ich ganz oft die Tür gar nicht erst auf, wenn es läutet. Was blöderweise bedeutet, na ja… Ich darf das Haus danach gar nicht mehr verlassen, weil die anderen das vielleicht mitkriegen. Also sie könnten herausfinden, dass ich ja doch da gewesen bin und sie bloß angelogen habe.
Einen Freund habe ich schon im Dorf, nämlich den Nachbarjungen Martin. Den kenne ich aus dem Kindergarten. Seine Eltern sind Bauern, die besitzen ein paar Kühe, ein Schwein und andere Tiere. Der Martin riecht immer ein bisschen nach Stall, also so ganz anders als die meisten Kinder, die ich kenne. Er ist auch etwas dicker und größer als andere, weshalb ganz viele ihn hänseln oder einfach nicht mitspielen lassen. Dann tut er mir ehrlich leid. Damit auch er einen Freund hat, gehe ich hin und wieder zu ihm. Wir sind oft im Kuhstall oder in der Scheune dahinter, weil der Martin kein eigenes Spielzimmer hat. Er muss sich das mit seinen drei kleinen Geschwistern teilen. Im Schuppen haben wir aber unsre Ruhe. Außerdem mag ich irgendwie den Geruch von frischem Gras und Mist zusammen. In der Tenne dürfen wir sogar von ganz oben ins Heu runterhüpfen oder auf dem ganzen Gelände Räuber und Gendarm spielen. Wir klettern auch manchmal einfach auf den Eichenbaum, der viele tausend Jahre alt ist und schon immer mitten auf dem Hof stand, behauptet zumindest der Martin. Wir schauen auf die Hühner und Katzen hinunter, die dann winzig klein unter uns aussehen. Wir stellen uns vor, wir sind zwei wilde Adler auf der Jagd, ganz weit oben im Himmel.
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