
Ich fliege immer weiter fort... (Kap. 3)
Jul 20, 2024
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Alle finden, ich rede viel zu leise. Das kann nicht stimmen, denn ich höre mich laut. Ich weiß aber, dass mein Schwester Cara sehr laut spricht. Sie kann sowieso alles lauter als ich: singen, lachen, heulen. Sie atmet sogar laut. Sie ist größer als ich, vielleicht liegt es daran. Vielleicht werde auch ich später immer lauter.
Cara und ich sind im Vergleich sowieso anders. Ich bin zum Beispiel schneller mit dem Fahrrad, obwohl ich das erst gelernt habe. Oder wenn eins von den Meerschweinchen stirbt oder ein anderes Tier von uns, dann schluchzt und heult sie den ganzen Tag herum. Das ist echt sehr laut und noch viel schlimmer. Ich setze mich meist dahin, wo keiner mich finden kann. Klar, ich muss auch weinen, weil ich das Tier so unendlich liebgehabt habe. Und weil es jetzt nie, nie mehr wieder da sein wird. Ich rede dann leise mit dem Tier, an das ich mich ehrlich für immer erinnern werde. Zum Beispiel flüstere ich ganz oft seinen Namen vor mich hin oder erzähle ihm, was ich an ihm alles vermissen werde. Das Fell und wie es riecht. Oder wenn es ein Vogel ist, wie schön er gesungen hat, wie lieb er mich angeguckt hat. Erst wenn Papa das Tote dann vergraben hat, an einer ganz bestimmten Stelle im Garten, komme ich wieder raus und gehe zu seinem kleinen Grab hin.
Seitdem unsere Tiere angefangen haben zu sterben, nach dem ersten Mal ungefähr, tun mir eigentlich alle Tiere furchtbar leid. Außer die Mücken, die mich stechen oder mich beim Einschlafen stören, weil sie so hoch und hell in den Ohren sirren. Oder die Zecken, die mir Angst machen, weil ich davon Hirnhautentzündung bekommen und sterben kann. Wenn ich also auf der Straße einen Hund sehe, dann sage ich oder denke ich bei mir, der arme Hund. Oder eine Kuh oder eine Biene in der Blüte oder die kleinen Ameisen. Cara macht sich lustig, sie äfft mich sogar nach: Oh, oh, das arme, arme Vögelchen!
Bei den schwarzen Ameisen, die unter einem Stein direkt neben unsrem Zaun wohnen, sitze ich besonders gern und schaue ihnen zu. Wie stark sie sind! Manchmal tragen sie ein Stöckchen, das viel länger ist als sie, und fallen damit um. Doch sie kommen immer wieder auf ihre Beinchen und krabbeln einfach weiter. Sie rennen hin und her und schleppen alles Mögliche unter ihren Stein. Dabei entstehen winzig kleine Trampelwege. Manchmal bleibe ich so lange bei den Ameisen sitzen, bis die um mich herumlaufen wie um einen Felsen. Ich höre dann oft nicht, wenn die Mama mich zum Essen ruft.
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