
Ich fliege immer weiter fort... (Kap. 12)
Aug 1, 2024
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Das ängstliche Kind erzählt uns heute von seiner ersten Fahrt mit dem Schulbus.
Es ist ein ziemlich kleiner Bus. Die Automarke kenne ich noch nicht. Ich habe gehofft, Mama bringt mich direkt hin. Aber alle Erstklässler müssen von Anfang an mit dem Schulbus fahren, der über die Dörfer fährt und uns alle einsammelt. Ich bin sehr müde und traurig. Die Zuckertüte ist mir eigentlich egal, ich halte sie nur fest an mich gedrückt, damit ich sie nachher nicht hier vergesse. Die doofen Lackschuhe reiben an den Fersen.
Das Heimweh ist seit gestern andauernd da. Weil ich geweint habe vor dem Losgehen, hat Mama mir doch noch versprochen mit dem Auto hinterherzufahren. Also bin ich im Bus ganz nach hinten geklettert, von wo aus ich am besten auf die Straße schauen und die Mama sehen kann. Ich schaue mich erst nach den anderen Kindern um. Die meisten kenne ich. Alle reden durcheinander. Es ist furchtbar laut. Als letztes Kind steigt der Martin ein und setzt sich hinter den Beifahrersitz. Er guckt nur nach vorn, er hat mich sicher noch nicht entdeckt. Ich merke genau, wie er sich vor den andren Kindern fürchtet, die hinter ihm sitzen.
Noch bevor der Busfahrer losfährt, habe ich mich umgedreht und nach der Mama gesucht. Da ist sie. Sie macht gerade ein Foto von mir, wie ich hinten aus dem Fenster schaue. Darauf wird man bestimmt erkennen können, dass ich geweint habe. Die Schiebetür vorn wird zugeknallt. Der Fahrer zählt uns ab, ohne dabei zu sprechen. Ich finde, er sieht streng und unheimlich aus. Als wir losfahren, wird es ganz still. Ich sehe aus dem hinteren Fenster, wie Mama dem Bus erst ganz dicht folgt. Aber dann wird auf einmal der Abstand immer größer. Ich bekomme Angst, sie verliert mich ganz aus den Augen. Ich winke ihr wie wild zu. Sie sieht mich nicht mehr, sonst würde sie ja wieder näherkommen. Jetzt sehe ich die Mama gar nicht mehr. Ich presse mein Gesicht in meinen Arm, damit niemand merkt, dass ich schon wieder heulen muss.
Im nächsten Dorf hält der Bus und es steigen zwei neue Kinder ein. Ich habe sie noch nie gesehen. Die Mutter von dem einen Mädchen sagt zum Fahrer, meine Claudia muss vorn sitzen, weil sie sonst ins Auto kotzt. Da hat der Martin den Platz für sie freigemacht. Er ist aufgestanden und hat sich zu mir in die letzte Reihe gesetzt. Hi Boss, hat er gesagt. Hi Kumpel, habe ich geantwortet. Und dann hat er mir seinen nagelneuen Ranzen und die Schultüte gezeigt. Beides hat ein bisschen nach Stall gerochen.