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Happyend

Jul 25, 2024

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Kitsch auf Friedhöfen ist ein gewaltiges Phänomen, das ich gelassener ertrage, als irgendetwas Kitschiges an anderen Orten. Ich versuchte das kürzlich meiner Frau zu erklären, die immerhin von sich aus dazu bereit war, die Symmetrie als ästhetisches Mittel grundlegend für eine Verflachung der Kunst zu halten. Sie argumentierte für mich überzeugend, die existenzielle Spannung, die in jedem Menschen aufgrund der Tragik seiner Endlichkeit und Vergänglichkeit angelegt sei, werde in der symmetrischen Komposition aufgehoben und somit ganz vermieden. Sie nannte dieses Instrument der formalen Ebenmäßigkeit sogar – dumm. Meine These klang im Ansatz durchaus ähnlich: Im Verzicht auf die tragischen, traurigen, hässlichen und dunklen Aspekte des Daseins, in der Übersteigerung und sogar Verzerrung von idealtypischer Schönheit, liegt die Wurzel dessen, was ich als kitschig bezeichne. Glitter und Glitzer verleugnen den numinosen Aspekt einer nicht darzustellenden Transzendenz und rieseln recht konkret herunter auf die stoffliche Oberfläche zurück. So wird das Unheimliche auf beruhigende Weise sichtbar gemacht und gewissermaßen neutralisiert. Das Kitschige hat je nach Kontext aber stets eine ganz bestimmte Funktion, lehrte ich weiter wie ein Klugscheißer. In der Pubertät wird er benötigt, damit der unerträgliche innere Konflikt zwischen dem Nochnicht und Nichtmehr eine noch unreife, also präsymbolische Entlastung in der kindlich glimmernden Reminiszenz erfahren kann. In der Werbung, in der Textil- und Medienindustrie, in Zusammenhängen leichter, unterhaltsamer, massenbewegender Musik oder Filmkunst, wird zum Beispiel die aufkommende Leere als unangenehmes bis bedrohliches Empfinden zugeschüttet und zugemüllt, ja wird das tragische Gefühl in ein Empfinden euphorischer Sehnsucht bis Erfüllung emporgesteigert, kann wirklich hundertpro jeder Herzipupperl-Konflikt zum Schluss gelöst werden. Das Happyend ist die Steigerung der bewussten Illusion – mitnichten der vorsätzlichen Lüge – es gehe ewig und immerdar so weiter mit der Liebe, Schönheit und dem Glück. Etwas an sich Undenkbares wird als bloße Behauptung, also als fiktionales Stilmittel, zum Schluss dann durchaus vorstellbar, nein, erlebbar. Und darum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt, zitierte meine Frau aus einmal Kurt Tucholsky.

Auch auf dem Friedhof findest du im größten Schmerz und tiefster Trauer im Kitschobjekt Erlösung, zumindest ein bisschen. Symmetrisch drapierte Herz- oder Blütenapplikationen, möglichst aus leuchtendem Plastik, wehmütig glotzende Putten und edle, gütige Engel in der Vollkommenheit himmlischer Schönheit. Fabelwesen wie Feen, Einhörner oder Miniaturen von schimmernden und glitzernden Prinzessinnen bilden im besten Fall ein Getümmel, das im Kontrast stehen darf zum melodramatischen Todesengel, den betenden Händen einer Tattergreisin auf dem Grabstein oder zum Kranzgewinde mit den stereotypen, stümperhaften Abschieds-, Dankes- und ewigen Gedenk-Sentenzen. Kitschszenarien auf dem Grabe also, versteckt zwischen den Bodendeckern oder nackig bloßgestellt auf Kiesspreu, erfüllen ohne jedwedes Gefühl der Scham und Gnade schlichtweg das sentimentale Versprechen einer ewiglich irdischen Chance auf Trost.

Meine Frau schaute mich schelmisch an, räusperte sich und begann jetzt das Ave-Maria vorzutragen, wunderschön schmalzig, mit langgezogenen Vokalen und gelungen inbrünstigem Vibrato. Ich fühlte mich von ihr total verstanden und war – durchaus gerührt.  

Autor: Titus David Hamdorf

Jul 25, 2024

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