
Irgendwo auf der Fahrt durch den Osten Brandenburgs in Richtung Oder durchquerte ich ein Straßenstädtchen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen des Ortsteils, der so ähnlich langgezogen, menschenleer und verschlossen war wie viele Siedlungen in der Region. In der man völlig durchgeschüttelt langsam über Kopfsteinpflaster zuckelt, vorbei an Konsumladen, Bäcker, Post und Kirchplatz. Rote Klinkerbauten wie im Norden, bröselig vergehende Fassaden in Grau oder grell bemalte, die einem in den Augen schmerzen.
Auf dem Platz war heute Markt. Locker zusammengestellte Stände, hinter denen die Verkäufer ihr Gemüse, Obst, Kuchen aus der Region oder Billig-Kleider, Günstig-Taschen und Kleinwaren aus China feilboten. Vor einem alten Haus am Marktplatz, das im amtlich offiziellen Zerfall begriffen war, provisorisch abgezäunt mit Baugittern, um Vandalismus zu verhindern, saß auf einer Wartebank neben einer Haltestelle eine junge Frau mit großer Sonnenbrille, die völlig anders aussah als dortige Passanten. Sie hockte sehr lässig da, die Beine im Schneidersitz, der schwarze Lockenschopf verwuschelt wie bei einem funky Girl. Ich hielt jetzt bei Rot zufällig in ihrer Nähe und wartete auf Grün. Sie gefiel mir auf diffuse Weise. Ihre lockeren Züge, die trotzig leicht nach vorn geschobenen Lippen, die Körperspannung wie kurz vor dem Groove. In ihrer Coolness schien sie gar nicht unbeteiligt, eher wachsam, das routinierte Lauern einer weitgereisten Fremden. Ich spürte plötzlich den erregenden Impuls sofort anzuhalten. Ja, ich wäre tatsächlich lieber ausgestiegen, als in der ätzenden Kolonne von Autos festzustecken, die nach Polen weiterfahren würde, um sich dort günstig satt zu kaufen. Wäre dann genauso nonchalant auf sie zu geschlendert und hätte sie – getarnt als Wartender – wie nebenbei gefragt, wann denn der Bus hier komme, was sie in diese Gegend verschlagen habe und ob ich für meine Kolumnen ein Foto von ihr machen dürfe. In dem Moment aber, als ich mich schon nach einem Parkplatz umzuschauen begonnen hatte, zumal sich jetzt die Wagenschlange wieder in Bewegung setzte, entdeckte sie auch mich und mein unverhohlenes Glotzen zu ihr rüber. Ich löste, derartig ertappt, verlegen und errötend schnell die Handbremse und gab leicht Gas. Sie schaute mir tatsächlich hinterher, drehte ihren Kopf nur wenig, um mir beim Vorwärtsrollen zu folgen. Da hielt ich mein inzwischen rasendes Bedürfnis ihr rätselhaftes, hübsches Bild einzufangen, das diesen trögen Ort in eine Bronx verzaubert hatte, nicht mehr aus. Ich presste die Handykamera ans Fenster und schoss trotz bereits flotter Fahrt ein Foto, von dem ich sicher war, es werde eh verwackelt sein. Im Rückspiegel erhaschte ich ein letztes Abschiedsbild von ihr und ahnte ihren wilden Katzensprung voraus, sah in dem verschlossenen Gesicht den irritierten Vorwurf lauter werden, den ungehörten Aufschrei der Empörung, vor dem ich nur noch fliehen wollte. Kein einziger Gedanke mehr an Stehenbleiben oder gar erklärender Entschuldigung.
Erst auf dem Fluss im Kajak erkannte ich die ungeheure Unverfrorenheit, womit ich dieser geheimnisvollen Frau nicht nur ihr Gesicht gestohlen hatte.