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Flaneur 8

Jul 16, 2024

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Die zum Stillstand gekommene Szene einzelner oder mehrerer Darsteller heißt in der Kunstgeschichte Tableau vivant. Nicht die Bewegung also erweckt das Bild zum Leben, sondern das möglichst synchrone Beenden derselben. Im 18. Jahrhundert, kurz vor der technischen Eroberung durch die Fotografie, entwickelten vor allem zwei Frauen diese besondere Kunstform, Madame de Genlis in Orleans sowie die berühmte, lasziv schöne Lady Hamilton. Gewissermaßen eine Vermählung der Darstellenden und der Bildenden Kunst, wobei nicht der szenische Akt an sich, sondern die verkörperte Komposition oder auch Nachahmung von Gemälden und klassischen Statuen angestrebt wurden.

Dieses eingefrorene, artifiziell posierte Abschlussbild taucht bis heute in zahlreichen artistischen Zusammenhängen auf: Die Zirkus- oder Theatertruppe kurz vor dem letzten Vorhang, die Tänzerin in angehaltener, höchst gespannter Stellung und letztlich auch das Aktmodell, das dem Diktat der Wunschvorstellung des Künstlers folgt und in der meist qualvollen Verrenkung oder dem Verharren einer Salzsäule stillzuhalten hat. Der Bodybuilder, der jede einzelne seiner gestählten Muskelpartien vor Publikum erst tanzen lässt und dann verharrt, um so bewundert Beifall zu erhalten. Selbst eine dem Befehl „Stillgestanden!“ nachgekommene Militärparade kann die Ehrfurcht eines angehaltenen Atems in Gestalt der Macht- und Siegerpose eindrucksvoll vermitteln. Es dürften hierbei leise zitternd präsentierte Gewehre oder Federbüsche keinem der Betrachter auffallen und auch der Schweiß der disziplinierten Anstrengung für alle unsichtbar bleiben. Es ließe sich sogar weiterspinnen, dass eine sich fürs Foto zusammengerottete Gruppe bereits vor dem Augenblick des Abdrückens den eigentlichen, den atmenden Moment des niemals wiederkehrenden, weil in seiner Aura nicht zu erfassenden Kunstwerks erzeugt. Wobei in all den genannten Fällen die am Tableau Beteiligten in erster Linie ihr eigenes Erleben erinnern dürften, da sie sich während des möglichst ohne Patzer und Gezappel vollendeten Akts der Darstellung ja nicht von außen, mit den Augen des Betrachters, sondern gleichsam im Orchester sitzend vorerst nur aus der Innenschau erleben. Erst hinterher das Bild ermöglicht eine nachträgliche Verbindung zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung des Geschehens: zwei hier übereinander geschobene Zeugenperspektiven, die nach und nach miteinander zu einer einzigen Erinnerung verschmelzen, also zu einer Illusion.

Einsam vor dem Spiegel jedoch folgt das Posieren und gründliche Betrachten der eigenen Schönheit oder auch der Hässlichkeit nicht dem zentralen Tableau-Gesetz eines total zum Erliegen gekommenen Schwungs. Es fehlt dabei schlicht und ergreifend der fremde Rezipient, der passive Beobachter des perfekten Verharrens, für den die zur Vollkommenheit getriebene Zweck als Causa Finalis schließlich gedacht war. Selbst ein unbemerkter Voyeur der höchst intimen Selbstinszenierung vor dem Spieglein an der Wand würde an der Sache nichts verändern. Im Gegenteil.

Jul 16, 2024

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