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Flaneur 6

Jul 12, 2024

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Auch ein zufälliges, nicht absichtlich gestaltetes Nebenprodukt (Müllhalde) kann einem an der eigentlichen Produktion (Straßenbau) nicht beteiligten Betrachter wie eine total sinnvolle Komposition vorkommen. Oder es ist bloß das Foto, das einen ästhetischen, wenn auch belanglosen Anspruch beansprucht. Somit wird die tatsächlich willkürliche Anordnung von Betonblöcken, zerbrochenen Gussformen und Stahlträgern vor dem Hintergrund von Bauzäunen, Absperrungen und Plankenwänden stilistisch zu einer Art Stillleben erhoben. Das demjenigen, der an der Baustelle vorüber schlendert oder im davor entstandenen Stau aufgehalten wird, nicht weiter auffallen dürfte.

In einer Stadt wie Berlin, in der seit ihrem Bestehen und stetigen Wachsen unermüdlich in die Breite, Höhe und Tiefe gebaut, ab- und rausgerissen, neu errichtet wird, halten sich die konstruktiven und destruktiven Kräfte in einem eigentümlichen Gleichgewicht. Das nicht zuletzt in enger Verbindung mit den kapitalistischen Interessen und politischen Energien steht, die ihrerseits instabil oder unkalkulierbar bleiben, zumal sie meist im Verborgenen, ohne hinreichende Transparenz abgekartet miteinander in Verhandlung stehen. Allenfalls der Widerstand, eine x-beliebige Empörung aus der Bevölkerung über ein geplantes Projektvorhaben vermag gelegentlich etwas davon ans Licht zu bringen. Selbst dann dürfte das nur ein Bruchteil der Wahrheit hinter den Kulissen sein...

Wäre hypothetisch das Vertrauen oder auch das Wissen dahingehend vorhanden, dass es in einem in sich geschlossenen System keine Zerstörung von Materie gibt, weil diese weder energetisch noch materiell nach außen abgegeben werden und somit verloren gehen kann, ließe sich die Sache womöglich wesentlich gelassener beschreiben: Als den unendlichen Prozess einer ständigen Veränderung – in diesem Falle einer dynamischen Metropole –, der sich nur entziehen kann, wer diese Stadt verlässt. (Um dann anderswo derselben Gesetzlichkeit zu unterliegen.)

Doch eine Stadt wie diese ist nun einmal kein hermetisches System, sondern ein offenes. Das mit unsichtbaren und nicht berechenbaren Einflüssen von außen als entsprechend bedrohtes Gefüge sich eben nicht mehr selbst regulieren kann. Es wird früher oder später die Balance verlieren und bald völlig aus den Fugen geraten sein. In diesem Falle wäre jeder gut beraten, dieser Stadt so schnell es geht zu – entfliehen.

Jul 12, 2024

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