
Auf meiner - zugegeben - einzigen Reise nach Prag lauschte ich seit dem Grenzübergang bei Rosshaupt andächtig dem tschechischen Sprachsingsang nach. Besonders gut gefiel mir das Wort Stanice, das die Ansage weich und lang auf dem a betonte, oder Příští zastávka (nächster Halt), das Zisch- und Vokallaute in Vollkommenheit vereinte, sich außerdem für mich nach einem verheißungsvollen Getränk anhörte. Ich verstand nicht, weshalb in mir während dieser Fahrt eine unbestimmte Sehnsucht aufgestiegen war, ein Empfinden zwischen Fern- und Heimweh, aber anders, wesentlich gerichteter und doch auf etwas Unbekanntes hin.
In meine Lektüre blätterte ich nur kurz hinein. Es war der Kafka-Brod-Briefwechsel, den ich vor Jahrzehnten mit der tiefen Inbrunst eines jungen Literaten gelesen hatte, der in das ach so nachempfundene Leiden des jungen Kafkas versunken damals die sensible, selbstzerfleischende Larmoyanz noch nicht entdecken konnte, die mich diesmal so enttäuschte und befremdete. Ich verschlief den ersten Teil der Strecke oder blickte aus dem Fenster in die unbekannte Landschaft. Im Hauptbahnhof Florenc dann endlich eingefahren, wurde ich nervös wie immer, wenn ich in der Fremde bin und fürchten muss, mich völlig zu verlaufen oder überhaupt nicht klarzukommen. Der Steig war voll und wuselig, die Halle und der Vorplatz laut und überfüllt, die Busstation trotz der präzisen Suche nirgends auffindbar. (Gegen diese Reisepanik kenne ich kein Kraut, außer gar nicht erst zu reisen.) Da es noch hell war, mein Gepäck sehr leicht, entschied ich mich für einen Fußmarsch Richtung Innenstadt und nutzte dafür – ganz old school – den Stadtplan.
Ich kam an – trotz aller Befürchtungen bin ich auf Reisen immer angekommen –, checkte ein im gebuchten kleinen Altstadt-Hotel, packte halbherzig aus und ging nochmal los, hungrig und inzwischen viel gelassener dahingehend, sicher auch den Weg zurückzufinden. Letztlich entfernte ich mich höchstens hundert Meter, ließ mich gleich in einem x-beliebigen Straßenlokal nieder und bestellte dunkles Bier, dazu Gulasch mit gefüllten Knödeln. Ich entspannte etwas, schaute all den Menschen zu, die den zentralen Platz bevölkerten, an mir vorüber flanierten, Fotos schossen oder Selfies vor berühmtem Hintergrund, all das beflissentlich abgrasten und einverleibten, was der Reiseführer oder eine Stadt-App ihnen rieten – must see! – auf jeden Fall anzuschauen oder zu besuchen. Beim Anblick der Touristenhorden verlor ich plötzlich jede Lust auf irgendwelche Sehenswürdigkeiten dieser Metropole. Meine kurze Freude und Erleichterung endlich hier zu sein, in dieser Kafka-Stadt – was andres hatte mich ganz ehrlich nicht hierhergelockt –, war schneller noch als jedes Strohfeuer erloschen.
Da beschloss ich, nie wieder in eine dieser Städte zu verreisen, die du unbedingt gesehen haben musst im Leben.