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Flaneur 3

Jul 5, 2024

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In einem ruhigen Seitenarm des Flusses Inn kurz vor Wasserburg geriet ich mit dem Kajak in einen träge nach Mücken und Wasserspinnen happenden und Algen äsenden Schwarm einiger ausgewachsener Spiegelkarpfen, die nur wenig beeindruckt um mein Boot dümpelten oder mir gemächlich auswichen. Hübsch sahen sie nicht aus. Die weit auseinander liegenden Glubschaugen verliehen den Fischen einen etwas blödsinnigen Ausdruck. Ihre gelben dicklippigen Riesenmäuler mit den Würmern ihrer schwebenden Barteln, gekräuselt, beinah obszön geschürzt, wirkten wie geile Geschlechtsteile in ihren plumpen Urgesichtern. Ich hatte das Paddel vor mir auf dem Sülrand abgelegt und ließ nun beide Hände regungslos im milchigen, ziemlich warmen Wasser treiben. Einer der Burschen kam offenbar von dumpfer Neugier angeschoben etwas näher. Er schien in Anbetracht der Finger vor ihm nicht ganz schlüssig, was er davon halten sollte. Mir wurde ein wenig mulmig angesichts der Größe dieses Viechs. Und wirklich, jetzt streifte er mich für einen Hauch von Augenblick, glitt kurz an meinem Handrücken entlang. Wir erschraken beide. Ich über seine kühle, ledrig raue Fischhaut der schuppenarmen Flanke. Und er vielleicht über das warme, weiche Gebilde, das wie ein toter Artgenosse vor seiner Nase baumelte. Er tauchte unerwartet flink und wendig ab, während ich mir die fischige Feuchtigkeit von den Händen schüttelte, bevor ich diese unheimliche Mangrove mit hartem Ruderschlag wieder verließ.

Ein Bekannter, der als Biologe die städtischen Wasserwerke entlang des Inns beriet, was bei der Planung von Schleusen, Dämmen oder Kraftwerken unbedingt zu berücksichtigen ist, um den nach der Begradigung und Kanalisierung ohnehin drastisch reduzierten Bestand heimischer Fischarten nicht endgültig zu gefährden, hatte mir erklärt, dass alle Fische wandern müssen. Nicht nur Aale und Lachse also, von denen ich es gewusst hätte, sondern alle mussten weite Strecken zurücklegen, um in ihre Herkunftsbuchten zurückkehren zu können, zu balzen und sich zu vermehren. Doch für viele Arten von Flussfischen war die Möglichkeit zur überlebenswichtigen Wanderung durch die Wehre unüberwindlich versperrt, weil sie es schlicht nicht schafften, über die hierfür eigens angelegten, seitlichen Wassertreppen an der Hürde vorbei und der inneren Route folgend an ihr Ziel zu schwimmen.

Mit diesem Wissen dachte ich mit Ehrfurcht an meine Begegnung mit der Horde Karpfen, die tatsächlich einmalig bleiben sollte. Ich hatte verpasst, das Glück zu empfinden, das einen Japaner sofort befällt, wenn ein schöner Koi seine Hand berührt.

Jul 5, 2024

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