top of page

Flaneur 11: Wasserlust

Aug 13, 2024

3 min read

0

7

0

Titus David Hamdorf





Wer je durch Hitze laufen musste oder unfreiwillig in ihrem Ofen eingeschlossen war, ohne Schatten und ohne einen letzten Schluck Flüssigkeit, wird sich sicher an jene regelrechte Wollust, an das Gefühl der gnadenvollen Wiederauferstehung erinnern, sobald erst die Lippen benetzt, dann Gaumen und Kehle mit Nässe und – ewig weiterfließend – dem süßlich mundenden Strom reinen Wassers überlaufend ausgefüllt sind. Genau in diesem Augenblick darf das Delir des Dehydrierten endlich in die Tiefentrance eines satt gestillten Säuglings münden.

Die Frau eines alten Freundes, der ein Haus in der Toskana besitzt, liebt es ganze Sommer über in einem Plastikpool zu verbringen. Es ist ihr offenbar egal, dass sie sich währenddessen total aufzulösen scheint, die zunehmend von der Mittagssonne verbrannte, im Wasser teigig verkrumpelte Haut bald an eine auf Meeresgrund gesunkene Seegurke erinnert. Oder auch an den käsigen Schmier auf einem schrumpeligen Neugeborenen. Sie legt sich morgens nackt in das von der Nacht noch kühle Nass, das nur selten während all der Wochen ihres Aufenthalts gewechselt wird, verlässt den Bottich nur im Notfall, ja trinkt und isst am liebsten dort, um erst abends mit den sanften Nachtgrillen und dem ersten Dämmerlicht dem Becken zu entsteigen wie von Tag zu Tag erneut getauft, eine Venus, ganz jungfräulich vom trocknen Segeltuch des Schlafs gelockt. Mein Freund hat mir vor kurzer Zeit gebeichtet, wie sehr er diesen ständig vor sich hinplätschernden, lustvoll seufzenden Exzess, die peinliche Marotte seiner Frau inzwischen hasse; dass er sich schäme, wenn spontan Besuch erschien, er nicht selten sogar log, sie sei grad leider gar nicht da, sei an einen Strand gefahren oder Bummeln irgendwo. Ich fragte ihn, wieso er nicht mit ihr darüber reden könne, so wie ich sie kennte, würde sie ihn doch verstehen. Er schüttelte resigniert den Kopf.

In diesem Sommer hatte er mich eingeladen, vermutlich auch um leichter seiner Frau im Kinderbecken entfliehen zu können. Ich fand die Nackte quietschvergnügt eigentlich ganz putzig, wenngleich ich sie nicht sofort erkannte. Als ich von ihr höflich wissen wollte, warum sie bei dieser wirklich ausgeprägten Aquafreude nicht das kühle, tiefe Meer dem Miniteich auf der Terrasse vorzöge, meinte sie, dass allein die halbe Stunde Fahrt dorthin sie zu sehr quäle, sie regelrecht panisch, ja hysterisch werde, weil sie befürchte zu vertrocknen wie ein Frosch. Die Todesangst des Frosches fand ich völlig nachvollziehbar. Ich vermutete sogar ein schweres, vielleicht vorgeburtliches, im intrauterinen Raum erlittenes Trauma dieser Nixe, von deren aufgeweichter Vulva jetzt mein Blick verführt in mir den heißen Wunsch nach ozeanischer Verschmelzung weckte, der sich zugleich mit leisem Ekel mischte und sofort wieder schrumpfte.

Als mein Freund mit mir am Nachmittag zu einer kleinen, wunderschönen Bucht hinunterfuhr, wagte ich festzustellen, er sei doch eigentlich ein echter Glückspilz. Er könne alles tun, auch das Verbotene, selbst den Seitensprung, das wilde Abenteuer, sie werde es in ihrem Wasserkoma niemals mitbekommen. Zumindest sei er meiner Ansicht doch keineswegs dazu verpflichtet, ihr bei der progredienten Lyse auch noch zuzuschauen. Er wurde etwas rot und lächelte. Verlor danach kein Wort mehr über dieses eheliche Dilemma.

Am Abend vor der Abreise – die Frau war schon zu Bett, sogar ihr Schnarchen klang wie Wassergurgeln – tranken er und ich ein Glas zu viel. Ich weiß nicht mehr, wie ich ins Bett gekommen bin. Ich wurde wach durch einen Schrei, der so verzweifelt und erschütternd klang, dass ich trotz des üblen Schwindels und des Schädelhämmerns sogleich aufsprang und nach unten stürzte. Da sah ich sie verloren stehen. In einer Pfütze, die geblieben war: Mein Freund und ich, so musste ich mit einem Blick erkennen, hatten offensichtlich nachts den Gral der Wasserlust – mutwillig zerfetzt.

Aug 13, 2024

3 min read

0

7

0

Comments

Share Your ThoughtsBe the first to write a comment.
Anchor 1
bottom of page