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Digit-Killing

Aug 6, 2024

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Kritische Gedanken über eine neue Form des Generationenkonflikts (Essay)




Die Alten werden geschlachtet

die Welt wird jung

[…]

(Zitiert aus: Erich Fried (1957): Die Maßnahmen.)

 

Autor: Titus David Hamdorf



Wir hängen unsere Alten ab. Lassen zu, dass sie wie Zombies in einer Zwischenwelt auf Erlösung warten. Nicht nur wegen des Pflegenotstands und veränderten sozialen, im speziellen familiären Strukturen, die in der Verantwortung für die alternden Angehörigen das Opfer eigener Freiheit und Selbstentfaltung nahezu verweigern – was nachvollziehbar wird, wenn wir die Berichte von Kindern und Partnern hören, die sich in ihrer Fürsorgepflicht schleichend aufgelöst haben. (Fast so, wie die Töchter und Schwiegertöchter seit Jahrtausenden und in allen Kulturen. Fuck off Patriarchy!) Bei aller Liebe: Das geht zu arg an die Substanz. Der gesellschaftliche Umgang ist sui generis mit einem politischen „Umgehen“, also Vermeiden der Kernprobleme verflochten, die seit Jahrzehnten in Gestalt von Statistiken und empirisch belegter Realität hinsichtlich Alterspyramide in der Bevölkerung, Mangel an Fachpflege- und Betreuungskräften, rechtlicher Grauzone der Sterbebegleitung derart offensichtlich nach staatlichen Lösungen schreien, eigentlich zum Himmel stinken.

Der amerikanische Ethnogeologe Jared Diamond geht in seinem Buch Vermächtnis der Frage nach „Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können.“ (Untertitel, Diamond, 2012). Er betrieb hierfür weltweit umfassende Feldforschungen bei Urvölkern, die in schwierigsten Naturumgebungen leben, und nahm neben anderen Praktiken dieser Kulturen auch die des „Altenmords“ in den Blick. Diamond fasst Kriterien zusammen, mit deren Hilfe sowohl der durch die Sippe praktizierte Mord an ihren alten oder kranken Mitgliedern sowie sich umgekehrt jene Voraussetzungen erklären lassen, die deren sicheres Überleben garantieren. Es ist nicht schwer zu erraten, wie die Greise und Weisen am Rand ihres Lebens die nachwachsenden Generationen davon abhalten könnten, sie in der Wüste auszusetzen, in der Ecke verhungern zu lassen, zum Selbstmord zu zwingen oder gar sie mit oder ohne Einverständnis zu erdrosseln: Zum einen ist es das moralisch anerkannte Tabu, Vater und Mutter zu töten (oder auch nur daran zu denken), im Gegenteil sie zu ehren bis zu ihrem Tode, egal wie widerwärtig sie sich auch benehmen sollten. Ein entscheidendes, von Diamond ausführlich dargelegtes Argument ist die Erkenntnis, weshalb die alten Leute verschont und unantastbar bleiben: Sie verleihen ihrem eigenen Leben pro-aktiv Sinn & Nutzen in der Gemeinschaft, erweisen sich als Experten, Wissensträger, unverzichtbar für Kinder, Enkel, Urenkel. Sie sagen mitunter sogar, wo es langgehen soll, auch wenn das den Jungen nicht in den Kram passt. (Okay, an diesem Punkt kann es durchaus mal zu jenem Krieg der Generationen kommen, der nicht selten im Vatermord oder der Vergiftung böser Schwiegermütter endet.) Also besteht in diesen Kulturen eine Art Deal zwischen den Jungen und Alten, dass letztere sich bis zum Schluss behaupten dürfen, auch wenn sie schon gaga sind. Einfach aus Prinzip.

Wenn also das oben beschriebene Alleinstellungsmal alter Menschen tatsächlich ist, dass sie etwas wissen und können, was die Jüngeren noch nicht beherrschen, einfach nur, weil jene weniger Lebenserfahrung gesammelt haben, wäre eine Art gesellschaftlicher Paradigmenwechsel im Umgang und Verhältnis zueinander denkbar: Das heuchlerisch diffuse Postulat der „Teilhabe an der Gesellschaft“ könnte tatsächlich völlig überflüssig werden, wenn jeder Mensch in seinem Umfeld dafür Sorge tragen, es zumindest versuchen würde, die Älteren und Alten ins tägliche Bewusstsein, ja irgendwie wieder ein klein bisschen zurück ins eigene Leben zu holen. Sie also nicht in Verloren- und Vergessenheit verschwinden zu lassen, sondern sie zu ermuntern und dabei zu unterstützen, den Lebensabend möglichst aktiv, selbstbestimmt und sinnerfüllt zu verbringen. So weit das eben geht. Im besten Fall wertgeschätzt für Persönlichkeit und Lebensleistung, für klugen Rat und breiteres Erfahrungswissen. Oder meinetwegen auch in Streit und Auseinandersetzung, Hauptsache laut und lebendig statt totenstill.

Ich möchte abschließend ein Thema aufgreifen, das ich exemplarisch für unser gesellschaftliches und auch politisches Unvermögen halte, die Generationen über uns ins gemeinsam geteilte Leben mitzunehmen. Die rasante Einführung digitaler Prozesse und Prozeduren in den Alltag setzt selbstverständlich voraus, dass Opa sich für modernste technologische Errungenschaften interessiert oder Oma sich von der Enkelin erklären lässt, wie ein Smartphon funktioniert und eine App sich bedienen lässt. Die Großtante behält tatsächlich alle hundert PINs im Kopf, hat keinerlei Berührungsangst mit einem Bankomat oder der kontaktlosen Bezahlung. Ganz zu schweigen von der (noch freiwilligen) Nutzung der Online-Dienste, egal ob von Banken, Reiseanbietern oder Shoppingtools, die das Leben erleichtern könnten, gerade wenn das Laufen schwierig wird und das Rausgehen an sich schon Horror bedeutet, ganz zu schweigen von der zuvor zu leistenden, tagelangen Vorbereitung und Planung auf diese gefühlte Weltreise.

Vergleiche ich die vor etwa fünfzig Jahren nötigen Anpassungsprozesse meiner Großeltern allein nur mit denen meiner Eltern, wird mir deutlich, welchen Quantensprung der Entwicklung es in dieser kurzen Zeit gegeben hat. Ich erinnere mich noch ganz genau: Mein Großvater schenkte meinem Vater zu dessen 50ten Geburtstag die modernste Stereoanlage, die es damals gab. Er hatte sie sich kurz zuvor selbst angeschafft und erklärte seinem Sohn nun stolz und wortgewandt - den Jüngeren dabei mit Fachbegriffen offensichtlich in die Knie zwingend - die durchaus diffizile Technik. Fernsehen, Telefonieren, sogar das Bedienen einer elektrischen Schreibmaschine oder eines Faxgeräts, das war noch leicht zu lernen, der Fortschritt überschaubar und schlichtweg nachvollziehbar. Doch mit dem Sieg der digitalisierten Techniken, dem Paukenschlag des Internets, hängt das unversehens angebrochene Zeitalter die Älteren immer rasanter ab. Es sei denn, sie standen noch voll und ganz im Beruf, der ihnen diese Nutzungskompetenzen abverlangte, oder hatten einfach Interesse daran, als wäre es ein Hobby, mit ungeahnten Möglichkeiten zu spielen wie ein Kind.

Was die Medien uns hingegen vermitteln, sind fitte, alte, ja oft steinalte Menschen, die easy skypen können, mit den Enkeln chatten, mit den Kindern am anderen Ende der Welt per Videokonferenz die eigene Goldene Hochzeit brainstormen. Sind in die Jahre gekommene Gauner und Agenten, die genauso unfassbar flink wie Digit-Natives jedes Passwort knocken, Konten crashen, Sicherheitssysteme hacken und sowieso die gegnerischen Geheimcodes cracken. Was nicht erzählt wird, ist der anzunehmende größere Anteil der heute über Siebzig- oder meinetwegen Achtzigjährigen, die hilflos, ausgeliefert und natürlich angsterstarrt vor dieser künstlichen Tsunami-Welle stehen – wie einst der Ochs am Berg.

Gut gemeint, letztlich doch nur ein Tropfen auf den Heißen Stein, sind meiner Ansicht Angebote für Senioren, die Nutzung und Steuerung all der kleinen Vehikel zu erlernen, mit denen endlich dann auch sie ins World Wide Web gleiten können wie Superman über Metropolis. Das entspricht in etwa dem meist sinnlosen Versuch, ein Handy in etwa auf die Mega-Maße eines Walkie-Talkies zu vergrößern, es mit Riesenzahlen und Leuchtziffern auszustatten, in der gelinde gesagt bescheuert zu nennenden Hoffnung, dass sogar der blinde, taube und verwirrte Greis damit den Notarzt rufen werde können.

Nein, dahingehend ist auch diese digitalisierte Generation noch rücksichtsloser, als alle vorherigen zusammen, wenn es um die persönliche und wirtschaftliche Optimierung ihrer selbst geht, die Einbettung in abstrakte soziale Gefüge der Entfremdung und Pseudonähe, die sich überschlagende Flut globaler Informationen, in der die Welt auf einmal schrumpft, in Vorbereitung auf den Gau der letzten Implosion oder schlicht aufs Schwarze Loch. Ich warte darauf, dass morgen schon ein Avatar des Enkelkindes mich begrüßt und mir erzählt, ich sei nun auch ein Teil der Meta-Wirklichkeit und werde somit ewig weiterleben. (Oh Gott, nein!)

Es liegt doch auf der Hand, dass es nur die eine Chance auf digitale Teilhabe für die Alten gibt, nämlich eine serienmäßig herstellbare Personal Robot-KI, die dem hilfsbedürftig alten Menschen einfach alles abnehmen wird: die Online-Korrespondenz mit Banken, Ämtern und Familie. Das Einkaufen, Putzen, Kochen und Waschen. Ja selbst die Behandlung eines Dekubitus, das Entleeren von Urin- und Kotbeuteln, das Wechseln von Windeln, Füttern, Arschabwischen bis hin zur Feststellung der exakten Todeszeit des menschlichen Schützlings.

Ja, das wird wohl die einzige Lösung sein. Und zwar in allen Bereichen. Eine Revolution, die das Abschieben, Abhängen, Isolieren und das Vergessen der Alten total optimieren wird, so dass kein Mensch sich je wieder mit dem Erwürgen oder Erschlagen eines Angehörigen die Hände dreckig machen muss.

 

 

Literatur:

-        Jared Diamond (2012): Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können. S. Fischer, Frankfurt am Main

-        Erich Fried (1968): Befreiung von der Flucht. Gedichte und Gegengedichte. Claassen Verlag, Hamburg

 

Aug 6, 2024

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