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360°-Schwenker

Sep 17, 2024

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In der Berliner Ringbahn, kurz vor Messegelände, saß sie mir schräg gegenüber. Mir gefiel ihr Style, ihr Mut, ganz unterschiedliche Muster miteinander zu kombinieren. Sie kommt bestimmt aus New York, dachte ich und traute mich sie genauer zu betrachten, zumal sie so vertieft schien in ihre Lektüre eines zerfledderten dicken Taschenbuchs, dass sie meine Neugier nicht bemerken würde. Die Bibel, vermutete ich, ganz bestimmt! Zumal die Frau während des Lesens ihre Lippen bewegte, als bete sie stumm. Als wären die Wörter an ihrem Gaumen nicht nur heilig, sondern appetitlich süß. Da ich bei ihrem Anblick nicht mehr aus dem Fenster schauen wollte, begann ich mir ihren Vormittag auszumalen.

Wie sie ihren Sohn Bob immer wieder gebeten hatte, sie bald, sie viel zu früh, wie er meinte, zum S-Bahnhof zu bringen. Wie der Aufbruch die kleine Familie ergriff, die einjährige Lizzy auf dem Arm ihrer Mutter Caroline zu weinen begann. Und dass Carol sich wahrscheinlich ihre Erleichterung eingestehen musste, dass ihre Schwiegermutter Elli nach vier Wochen wieder abreisen würde. An die Ausgangstür gelehnt lachte sie die Alte aus, als sie sah, wie jene sich Bobbys‘ abgelegten blauen Schal mit den Flockenmustern umwarf und eine ausgebeulte Pudelmütze überzog. Mom, du schaust aus wie ein schriller bunter Vogel aus New York! Gib’s ehrlich zu, du hast meine Kleidersammlung entdeckt! Mom lachte, zeigte ihre unverschämte Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen und kniff der Kleinen sanft in die Backe. Oh, du mein Sweety, Baby, Baby, Baby! Endlich beugte sie sich ächzend zum Rollkoffer und rupfte so lange am Zipper, bis Bob ihr dabei half, das Gepäck unter die Hartschalen zu stopfen. Ein 360°-Schwenker, sein Geschenk, nachdem er sich bei ihrer Ankunft abgründig für ihre Plastiktaschen geschämt hatte. Das haben bei uns echt nur die Penner, Mom, hatte er ihr erklärt. Elli warf sich jetzt den schwarzen Wollmantel über, den sie bestimmt schon seit Jahrzehnten vorn nicht mehr schließen konnte, stieg in ihre beiden Fellboots, strich das Flanellhemd glatt, das sie heimlich aus dem Beutel mit alten Klamotten gezogen haben musste, den Carol unters Gästebett gestopft hatte. Elli versuchte ihre Tränen mit dem Ärmel wegzuwischen, als sie Lizzys‘ Köpfchen küsste und Carol umklammert hielt, die Bob bedeutete, die Thermotüte mit Sandwiches und Obst nicht zu vergessen, die noch in der Küche stand. Denn Mom hatte den Nachmittag und die ganze Nacht im Bus vor sich. Klar, sie konnte wirklich überall schlafen oder lesen, das hatte Bob oft und nicht ohne Bewunderung erzählt, ganze Wochen lang in Zügen und Bussen. Doch inzwischen war sie einfach alt geworden, fand Carol, litt ganz genauso unter Hüft- und Knieschmerzen, wie ihre eigene Mutter. Sie winkte, winkte dann noch mit Lizzys‘ kleiner Hand und schloss die Tür hinter ihr und Bobby.

Die Dame aus den Staaten bewegte weiter ihre Lippen beim Lesen. Sie hatte noch nicht ein einziges Mal umgeblättert. Als ich aussteigen musste, schaute ich verstohlen auf ihre Lektüre. Was ich erkennen konnte, war ein auf dünnen Seiten klein und eng gedruckter Text, in dem es von Absätzen, Zahlen und Paragraphen wimmelte. Ich wagte mich noch näher heran und entzifferte den Titel in der Kopfzeile: Kommentar zum Europäischen Asyl-Gesetz.

Sep 17, 2024

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